Hans Claßen
"Man kann als Autor nicht darauf warten, dass man
entdeckt wird"
| Hans Claßen ist nicht allein Rektor einer Arnsberger
Hauptschule. In seiner Freizeit schreibt der Lehrer Gedichte – zuletzt
den 2001 im Fouqué-Verlag erschienenen Band "Mondlicht
fiel auf Blütenstaub. Romantische Spuren" -, die bereits
mehrfach ausgezeichnet wurden. Außerdem wirkt er in seiner Heimat
Westfalen an der Entstehung einer "Literatur aus regionaler
Erfahrung heraus" mit. Für beides ist Claßen unlängst
mit dem "Edelraben" geehrt worden. |
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Literaturschiffe und andere Aktionen
Im Juni 2005 verlieh die Christine-Koch-Gesellschaft, die sich
die Förderung der Literatur im südöstlichen Westfalen
zur Aufgabe gemacht hat, erstmalig den „Edelraben“. Dieser
Preis, vom Künstler Otmar Alt geschaffen, ging an den Arzt Mathias
Knoll für seine Prosa – und an den Rektor Hans Claßen
für seine Lyrik. Doch die beiden Autoren wurden nicht ausschließlich
für ihr literarisches Werk ausgezeichnet. Den Ausschlag gab vielmehr
das Engagement für die regionale Literatur. So hatte Claßen
in seiner Region unter anderem die Literaturschiffahrt ins Leben gerufen:
In einer lauen Sommernacht kreuzt ein Katamaran auf dem Möhnesee,
mit westfälischen Autoren an Bord, die Auszüge aus ihren Werken
vortragen.
Hans Claßen ist seit kurzem Vorsitzender der Christine-Koch-Gesellschaft
und Sprecher des Autorenkreises Möhnesee. Schon vorher initiierte
der Rektor diverse literarische Aktionen. Mit Dr. Mathias Knoll hat er
gemeinsame Vernissagen und Ausstellungen abgehalten, wofür die beiden
Autoren Texte zu den Bildern eines Kunstfotografen schrieben und die von
einem Konzertgitarristen begleitet wurden. Nun schmiedet Hans Claßen
Pläne für die Autoren aus der gesamten Region. Und das sind
nicht wenige Autoren: in den vergangenen zwölf Jahren haben 40 Schreibende
aus der Möhneseeregion – also aus dem Sauerland, Soest, dem
Münsterland und Ruhrgebiet – Monographien veröffentlicht.
Rektor Claßen ist stolz darauf, in einer Region zu leben, die ihre
Literatur in Eigeninitiative zu entwickeln beginnt. „Soweit mir
bekannt ist, gibt es das innerhalb Deutschlands kaum in anderen Regionen.“ Dennoch
beschränkt sich der Autorenkreis nicht auf die Förderung der
eigenen Literatur: Durch Aktivitäten wie den „Poetischen Frühling“,
eine deutsch-polnische Literaturbegegnung, soll der Austausch mit anderen
Kulturstätten wie Masuren/Polen angeregt werden.
Regionale Literatur mit Romantik-Bezug
Für Hans Claßen, der in Oberschledorn im Hochsauerland geboren
wurde, bedeutet die Möhnesee-Region auch Heimat. Seine Lyrik ist
nicht im eigentlichen Sinne „Regionalliteratur“ (zum Beispiel
schreibt niemand aus dem Autorenkreis in Mundart), sondern, wie er es
nennt, „Literatur aus regionaler Erfahrung heraus“. Dieser
Begriff, geprägt von Professor Wilhelm Gössmann, besagt, dass
der Dichter zwar auf die Erfahrung mit Natur und Region zurückgreift,
sich jedoch darüber hinaus erhebt und allgemeine Erkenntnisse ableitet.
Natur und Region – im Sinne von Heimat – sind die zentralen
Begriffe in Claßens lyrischem Werk. Auf dem Land aufgewachsen, schätzte
der Autor von Kind an die Natur. Die Landschaft hat sich nach Ansicht
Hans Claßens seitdem radikal verändert: „Die Dörfer
verkommen heute zu Wohn- und Schlafstätten“, meint er. Doch
die Heimat aus seiner Jugendzeit lebt in dem Autor weiter und ist einer
der Faktoren, die ihn zum Schreiben gebracht haben. Angeregt hat ihn auch
die Rezeption moderner Dichter wie Rilke, doch vor allem der großen
Romantiker wie Eichendorff, Brentano und Novalis.
Diese Vorliebe für die Romantik fließt in Claßens Gedichtbände
mit ein. In „Mondlicht fiel auf Blütenstaub“ spielt er
mit romantischen Motiven wie Mond, Blüten und blauen Blumen. Dabei
erinnert Claßen auch an die dunkle Seite der Romantik, die im Alltagssprachgebrauch
verloren gegangen ist. Er thematisiert die ländliche Idylle, aber
auch ihre Zerstörung. Das Ganze präsentiert er in strenger Form: „Ich
glaube, dass bedeutende Inhalte nur formgerecht ausgedrückt werden
können.“ Für seine Gedichtbände hat Claßen
weitere Preise gewonnen: die Auszeichnung der Novalis-Gesellschaft (die
bislang nur an ihn vergeben wurde) und den „Alfred-Müller-Felsenburg
Preis für aufrechte Literatur“, der seit 20 Jahren von der
Zentrale der Thalia-Buchhandlung verliehen wird.
„Literarisierung der Region“
Als Vorsitzender der Christine-Koch-Gesellschaft plant Claßen, künftig
den Edelrabe-Preis alle zwei Jahre zu verleihen. Zur weiteren „Literarisierung
der Region“ sollen auch die „Südwestfälischen Autorentage“ beitragen.
Diese fanden bereits einmal im Jahr 2003 statt und sollen ab 2007 regelmäßig
alle zwei bis drei Jahre abgehalten werden. „Kultur braucht den
Dialog“, ist sich Claßen sicher. Außerdem, weiß der
Rektor, müssen Autoren, die bekannt werden wollen, sich der Öffentlichkeit
auch zeigen. „Man kann als Autor nicht darauf warten, dass man entdeckt
wird. Sein Forum muss man sich auch erwirtschaften“, rät er.
Der Rektor ist der Überzeugung, dass es eine lohnende Aufgabe ist,
die Lyrik lebendig zu erhalten und will sich dafür weiterhin Zeit
nehmen. Er hofft auch, in der Zukunft wieder einmal selbst Zeit zum Schreiben
zu finden, was bei all den literarischen Aktivitäten ein wenig zu
kurz gekommen ist. Dass er einmal etwas anderes als Gedichte verfassen
wird, etwa einen Roman, glaubt der Autor übrigens nicht. „Ich
habe herausgefunden, dass ich meine Intention am besten lyrisch umsetzen
kann“.
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Kurz gefragt:
1. Wann haben Sie sich entschieden, Autor zu werden?
Sehr früh, während meiner letzten Gymnasialjahre, während
meines Studiums glaubte ich stets an meine Dichterberufung. Persönliche
Umstände, nicht unwesentlich dabei die Anforderungen welche mein Lehrerberuf
mir anfänglich stellte, ließen mich mehrere Jahre lang vom Schreiben
Abstand nehmen. Bis einige Autoren und Literaturfreunde meiner Heimatregion
eine Gesellschaft zur Literaturförderung im Sauerland und südlichen
Westfalen ins Leben riefen. Im Dialog mit anderen Literaten, insbesondere
dem langjährigen Vorsitzenden der Heinrich-Heine-Gesellschaft, Professor
Wilhelm Gössmann, formte sich in den Jahren 1997 und 1998 meine charakteristische
naturlyrische Wirkungsrichtung.
2. Wie sieht Ihr Schreiballtag aus?
Seit 15 Jahren bin ich Schulleiter, seit 11 Jahren Autorensprecher
der Christine-Koch-Gesellschaft zur Förderung der Literatur im Sauerland,
seit zwei Jahren deren Vorsitzender. Da bleibt nicht viel Zeit für
das Dichten. Kein Schreib-Alltag also! Eher, das Wort erlaube ich mir sehr
persönlich, Dichters Feiertag! Wie ich hohe Feiertage, etwa Ostern,
Pfingsten oder Weihnachten in meiner ländlich-katholischen Kindheit
als innerlich anrührende Tage empfand, so verspüre ich einen
Anflug von Feierlichkeit an den Tagen, an denen es mich gleichsam wie eine
- verstehen Sie das Wort bitte nicht kitschig sondern in einer Art religiösem
Sinn - überirdische Macht drängt, zur Feder, zum Federhalter
zu greifen. Dabei tauche ich die Feder ins Tintenfass ein; auch das
Ausdruck eines zeremoniellen Aktes. Die Auseinandersetzung mit sprachlichen
Motiven - und mit Metaphern schon gar - verlangt gemäß meinem
Dichterverständnis unweigerlich auch nach formaler Sprachgebundenheit;
etwa nach feinfühliger Beachtung von Ausgewogenheit zwischen intendierter
Aussage und sprachlichem Klang. Wer das schaffen will, den können
auch kurze Verse sehr lange in Atem halten.
3. Wann haben Sie sich zum ersten Mal mit dem Thema Ihres Buches
auseinandergesetzt?
Mein letzter Gedichtband, "Mondlicht fiel auf Blütenstaub. Romantische
Spuren", erschien im Herbst 2001. Die unmittelbaren Vorarbeiten erfolgten über
die Dauer eines Jahres. Allerdings begleitet die Naturlyrik mich mein gesamtes
dichterisches Leben lang. Was würde, um einen sehr bekannten zu nennen,
Goethe auf die Frage antworten, wann er sich erstmals mit der Thematik
des Faust II auseinandergesetzt habe? Gerade die Erfahrung der romantischen
Literatur - in der Lyrik vor allem Novalis, Brentano, Eichendorff und auch
Heine - hat mich seit früher Jugend nie losgelassen. Später erfasste,
zog mich Caspar David Friedrich unwiderstehlich an. Die Dimensionen der
Literatur durchdrangen somit andere Künste, ebenso Lebensbereiche.
Dem Natur- und Umweltbewusstsein der letzten Jahrzehnte folgte auch
ein Begreifen von Veränderungen im ländlichen Lebensraum, ein
Strukturwandel, der nicht aufgehalten werden konnte. Wilhelm Gössmann,
den ich bereits erwähnte, war einer der ersten, der dies literarisch
thematisierte. Meine lyrische Vision der romantischen Spurensuche entstand
wohl aus solchen Facetten, aus diesen und auch noch anderen, die hier nicht
erwähnt werden.
4. Was macht für Sie einen guten Gedichtband aus?
Ein guter Gedichtband, ja, enthält gute Gedichte. Alle, wenigstens
fast alle, sollten gut sein. Da schon jedes gute Gedicht eine ausführliche
Deutung verdient, gebührt auch der Frage genau genommen eine sehr
ausführliche Antwort; ausführlicher jedenfalls, als es hier aus
leicht verständlichen Gründen möglich ist. Vielleicht hilft
mir Gottfried Benn weiter, der überspitzt sagte, mehr als fünf
große Gedichte habe kaum ein Dichter geschafft. Sicher, große
Gedichte nach der Meinung Benns mit guten Gedichten im Sinne Ihrer Frage
zu vergleichen, wäre zu weit hergeholt. Also zitiere ich Ihnen aus
einem Brief, den der Schriftsteller Wolfgang Pelzer mir schrieb, indem
er meinen Gedichtband für einen "guten" Gedichtband beurteilte: "Vermutlich
gelingt das Schreiben nur dann, wenn Nähe und Distanz - um einen Gedanken
Nietzsches aufzugreifen - sich die Waage halten und das entsteht, was -
in einem weiten Sinne - Korrespondenz heißt."
5. Welchen Rat würden Sie Schreibanfängern
mit auf den Weg geben?
Wer dichten will - nicht schreiben an sich - braucht Talent dazu.
Das lässt sich entwickeln, beim Schreiben, beim Lesen natürlich.
Für das Dichten aber bedarf es auch einer literarischen Bildung, die
Literaturgeschichte besser kennt, als nur in wenigen Ausschnitten. Vor
allem aber eines: Wer nicht für die eigene Schublade schreiben will,
muss sich mit der Marktrealität auseinandersetzen. Die ist in
aller Regel an Normen orientiert, also auch an Schreibnormen. In dieser
Hinsicht lässt sich Vieles erlernen, Talent ausbilden. Ich rate
durchaus allen Schreibbegabten, auch Hilfen anzunehmen, eigenkritikfähig
zu sein, nicht zu glauben, dass ein Zacken aus der Krone bricht, wenn
ihre Textgestaltung auf Widerspruch stößt. Es gibt Schreibseminare,
dabei naturgemäß sehr unterschiedliche Niveaus. Gute Schreibseminare
helfen gewiss weiter. Doch fragen Sie mich bitte nicht danach, hier
weiter zu unterscheiden. Nur soviel: In jedem Alter kann man mit dem Schreiben,
auch als Ruheständler noch, anfangen. Wer es sich leisten kann oder
will, der sollte sich durch professionelle Schreibseminare begleiten lassen.
Die Cornelia-Goethe-Akademie bietet meines Wissens solche Seminare an.
Da sehe ich schon ein anderes Niveau, als wenn, wie derzeit üblich,
nicht wenige Absolventen von VHS-Schreibwerkstätten glauben, auf Grund
ihrer Kursteilnahme schon zertifizierte Schriftsteller zu sein. Verstehen
Sie mich richtig, solche Schreibwerkstätten haben oft sehr Gutes geleistet.
Doch die Entwicklung vom Schreibenden zum Autor, der authentische
Literatur schafft, geschieht auf anderen Ebenen.
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