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News-Sonderthema: 

Zum 150. Geburtstag von Anton Tschechow

Berichte, Stimmen und Hintergründe
 

 
Unsere Beiträge:

Tschechow zum 150. Geburtstag immer noch ein Star
Internationales Gedenken an Tschechow
Anton Tschechows Werke
Tschechow liebte die Halbinsel Krim
Übersetzer: Tschechow hat modernes Theater geschaffen
Stein kritisiert Umgang mit Tschechow
 

 

01.02. Tschechow zum 150. Geburtstag immer noch ein Star

Moskau (dpa) - Der russische Schriftsteller Anton Tschechow war schon zu Lebzeiten ein Star - zumindest in seiner Heimat. Inzwischen gehören seine Dramen «Onkel Wanja», «Drei Schwestern», «Die Möwe» und «Der Kirschgarten» weltweit zu den meistgespielten Theaterklassikern. Die Stücke des vor 150 Jahren - am 29. Januar 1860 - geborenen Tschechow erheitern und regen wie Henrik Ibsen und William Shakespeare noch immer zum Nachdenken an. Das Leiden der Menschen an sich selbst stellte wohl kaum ein Dramatiker so treffend dar wie Tschechow. Der Dichter starb jung - nur 44 Jahre alt - im Schwarzwald-Kurort Badenweiler an Schwindsucht.

Der Intendant der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, wird im kommenden Mai eigens für das Internationale Tschechow-Festival in der russischen Hauptstadt «Nach Moskau, Nach Moskau» inszenieren. In diesem Mix aus Stoffen von «Drei Schwestern» und «Die Bauern» prallen zwei Welten aufeinander, die Tschechow als Arzt, der er auch war, gut kannte. Auf der einen Seite das vor tödlicher Langeweile erstarrte Bürgertum, auf der anderen das einfache Volk, das sich an der Lage im vorrevolutionären Zarenreich reibt.

Kritiker hielten Tschechow oft vor, er übe zu wenig Sozialkritik. Doch sein berühmter Kollege Leo Tolstoi («Krieg und Frieden») etwa lobte die präzisen Gesellschaftsskizzen Tschechows. Auch Thomas Mann würdigte seine erzählerische Kürze und immense künstlerische Kraft. Vor allem Tschechows sensible Menschenkenntnis findet weiter ihre Bewunderer. Immer wieder drehen sich die Erzählungen des Russen um die Frage, warum die Menschheit trotz aller Fortschritte nicht glücklicher und reifer werde.

Es gilt als Stärke Tschechows, dass er bei aller Nachdenklichkeit keine Moralpredigten hält. Es geht ihm nicht darum, fertige Antworten zu geben, sondern Fragen zu stellen. Während er oft die innere Leere vieler Menschen thematisiert, engagierte er sich selbst auch sozial. Tschechow galt als Frohnatur. Er konnte in geselliger Runde mühelos unterhalten und die ernsten Dinge des Lebens humorvoll schildern. «Die Medizin - das ist meine gesetzmäßige Frau, und die Literatur - das ist meine Geliebte», sagte er einst. Eine Ehe ging er erst wenige Jahre vor seinem Tod mit der Schauspielerin Olga Knipper ein.

Die Spannung seiner Werke, von denen der Lungenkranke viele auf der Halbinsel Krim mit Blick aufs Schwarze Meer schrieb, entsteht allerdings kaum durch dramatische Ereignisse, sondern durch die Akteure, die mit indirekten Dialogen ihre Gefühlswelten offenbaren. Neben dem mediterranen Krim-Klima war Tschechow aber auch die dunkle Seite des riesigen Zarenreichs nicht fremd.

1890 lernte er bei einer Reise auf die Insel Sachalin im äußersten Osten des Landes das Leben der dorthin verbannten politischen Gefangenen kennen. Diese Erlebnisse wirkten etwa in «Krankenstation Nr. 6» fort. In dem zuletzt auch von dem russischen Regisseur Karen Schachnasarow verfilmten Stoff wird ein Irrenarzt, der philosophische Gespräche mit einem Patienten führt, durch Intrigen seiner Kollegen letztlich selbst für verrückt erklärt.

Der schreibende Arzt revolutionierte nach Einschätzung der Wissenschaft die Literatur und schaffte den Durchbruch zur Moderne. Anfangs schrieb der in der südrussischen Stadt Taganrog geborene Sohn einer Kaufmannsfamilie Kurzgeschichten für Zeitschriften, um sich bei seinem Medizinstudium über Wasser zu halten. Seine grellen Milieuskizzen etwa aus der Beamten- und Lehrerschaft geben tiefe Einblicke in das Leben der Intelligenz seiner Zeit. Tschechow zeigte, wie diese Schicht an ihrer Gleichgültigkeit zugrunde geht. 

Den Helden seiner Geschichten konnte er alles nehmen: die Illusionen, die Schönheit und das Talent. Nur die Hoffnung ließ er ihnen. Schon todkrank auf seiner letzten Reise, hoffte Tschechow im sonnigen Badenweiler im Schwarzwald selbst auf eine Besserung seines Zustands. Am 15. Juli 1904 trank er in seinem Hotelbett noch ein Glas Champagner und starb. Ein Museum erinnert dort an ihn. Auch mehr als 100 Jahre nach seinem Tod lockt sein Moskauer Grab mit einem Stein, der einem Dorfkirchlein gleicht, auf dem Friedhof des Neujungfrauenklosters Touristen aus aller Welt an.

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01.02. Internationales Gedenken an Tschechow

Moskau/Berlin (dpa) - 150 Jahre nach der Geburt des russischen Schriftstellers Anton Tschechow haben Kulturschaffende Kränze zum Gedenken an den legendären Menschenkenner niedergelegt. Der Autor feinsinniger und oft humorvoller Dramen wie «Der Kirschgarten» und «Drei Schwestern» habe auch im digitalen Zeitalter seinen Platz, sagte der russische Präsident Dmitri Medwedew. Er legte am Freitag im südrussischen Taganrog, wo Tschechow am 29. Januar 1860 zur Welt gekommen war, Blumen am Denkmal des Autors nieder. Auch am Tschechow-Grab in Moskau gedachten Menschen des Schriftstellers, der 1904 in Badenweiler im Schwarzwald an Tuberkulose starb.

Der Berliner Theaterregisseur Peter Stein kritisierte den Umgang des modernen Theaters mit Tschechow. Der Russe sei ein leiser Autor, der präzise analysiert und anatomisiert habe, sagte Stein im Deutschlandradio Kultur. «Wenn man den mit Gewalttätigkeit und mit patschigen Händen betastet, dann muss man sich nicht wundern, wenn man ihn nicht zu fassen kriegt.» Bei Tschechow stehe das Beziehungsgeflecht einer Gruppe von Menschen im Mittelpunkt.

Russland betrachte Tschechow «als einen unserer Zeitgenossen», sagte der russische Vize-Kulturminister Andrej Bussygin beim Gedenken auf dem Neujungfrauenfriedhof in Moskau. «Tschechows Wahrheit über Russland ist eine raue Wahrheit. Er wollte, dass es besser wird», sagte Bussygin nach Angaben der Agentur Ria Nowosti.

Russland plant im Tschechow-Jahr zahlreiche Gedenkveranstaltungen sowie Neuausgaben seiner Werke. Der Intendant der Berliner Volksbühne, Frank Castorf, wird im kommenden Mai eigens für das Internationale Tschechow-Festival in der russischen Hauptstadt «Nach Moskau, Nach Moskau» mit Elementen der «Drei Schwestern» inszenieren. Unter den Gedenkstätten, die restauriert werden, ist das Tschechow-Wohnhaus in Jalta auf der ukrainischen Halbinsel Krim. Auch das Tschechow-Museum in Badenweiler plant Sonderveranstaltungen.

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01.02. Anton Tschechows Werke

Hamburg (dpa) - Der Dramatiker, Erzähler und Satiriker Anton Tschechow (1860-1904) verfasste mehr als 600 literarische Werke. Einige Beispiele aus dem Schaffen des russischen Schriftstellers:

«Die Insel Sachalin» (1893): Der dokumentarische Reisebericht des jungen Arztes Tschechow schildert die Leiden von Lagerhäftlingen im Fernen Osten des Zarenreiches. Nach der aufsehenerregenden Veröffentlichung schicken die Behörden eine Kommission zur Untersuchung von Missständen in den Strafkolonien.

«Die Möwe» (1895): Das vom Verfasser als Komödie bezeichnete Stück wird eher als melancholisches Stimmungsdrama über unerfüllte Liebe begriffen. Auf einem Landgut schießt ein Mann aus Langeweile eine Möwe und schenkt sie seiner Angebeteten. Eine Figur kritisiert das Verhalten von Vertretern der dekadenten russischen Oberschicht zu ihren Mitmenschen: Ein Mann «sieht das Mädchen und richtet es zugrunde, bloß so, aus Langeweile - wie ihr Freund hier diese Möwe.»

«Onkel Wanja» (1896): Grundzüge der Handlung dieser «Szenen aus dem Dorfleben» entnahm Tschechow seinem rund zehn Jahre zuvor erschienenen Stück «Der Waldgeist». Das Schauspiel schildert den Konflikt von zugezogenen Vertretern der arroganten Oberschicht «auf einem fremden Platz» mit den «dummen Menschen» des Dorfes. Ohne Hoffnung finden die Menschen keine Lösungen ihrer Probleme: «Was sollen wir machen? Wir müssen leben!».

«Die Dame mit dem Hündchen» (1899): Die Erzählung schildert die Liebe zweier verheirateter Menschen. Nach einer Ferienbekanntschaft zurück im Alltagstrott gibt es ein leidenschaftliches Wiedersehen, die Liebenden sind aber in gesellschaftlichen Konventionen gefangen und müssen ihr ersehntes «neues, herrliches Leben» im Verborgenen führen.

«Drei Schwestern» (1900): In dem Drama suchen drei Töchter eines Generals in der russischen Provinz ihren Weg in die Zukunft. Im Verlauf des Stückes werden alle Illusionen zerstört, scheitern alle Liebesbeziehungen, und eine von ihnen klagt: «Auch in tausend Jahren wird der Mensch seufzen: Ach, wie schwer ist das Leben.»

«Der Kirschgarten» (1903): Die Komödie spielt unter den Kirschbäumen eines verschuldeten russischen Landguts. Der Verkauf des Gutes und das Abholzen der Bäume symbolisierten den Untergang der traditionellen Gesellschaftsordnung und den Aufstieg einer geschäftstüchtigen neuen Schicht, für die «ganz Russland unser Garten ist». Eine Ehrung zur Premiere des Stücks in Moskau im Januar 1904 war der letzte große öffentliche Auftritt des schwer kranken Autors.

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01.02. Tschechow liebte die Halbinsel Krim

Jalta (dpa) - Anton Tschechow liebte den Blick aufs Schwarze Meer direkt von den Klippen der steilen Küste von Gursuf. Auf dem romantischen Flecken auf der Halbinsel Krim steht sein kleines Wochenendhäuschen fast am Abgrund. 16 Jahre, also etwa ein Drittel seines Lebens, verbrachte der russische Nationalschriftsteller auf der Krim - meist in seinem stattlicheren Anwesen im Ferienort Jalta in der Nähe von Gursuf. Die beiden Anwesen sind heute Museen. In dem mediterranen Klima empfand Tschechow wie sonst nirgends Lebensfreude und Unabhängigkeit.

«Ihn verblüffte der Gegensatz zwischen der Größe des Meeres und der Kleinlichkeit der menschlichen Beziehungen», sagt die Museumsmitarbeiterin Alla Golowatschjowa in Jalta. In dem Ort an der «russischen Riviera» entstand etwa «Die Dame mit dem Hündchen», wie auch ein Denkmal an der mondänen Strandpromenade in Jalta zeigt. Im früheren Wohnhaus Tschechows mit dem immergrünen Garten ist die Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert bis heute nachvollziehbar. Unweit des Tschechow-Hauses erholte sich auch die Zarenfamilie im Liwadija-Palast, dem späteren Ort der Krimkonferenz der Alliierten Mächte 1945.

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01.02. Übersetzer: Tschechow hat modernes Theater geschaffen

Grebenhain (dpa) - Der russische Schriftsteller Anton Tschechow (1860-1904) hat nach den Worten des deutschen Übersetzers Peter Urban das Theater erneuert. Vorbilder für Tschechows Stücke habe es weder in Russland noch im Ausland gegeben. «Das ist alles vollkommen neu und einzigartig», sagte Urban im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) und verwies auf einen Satz des englischen Theatermachers Peter Brook: «Tschechow hat das moderne Theater erfunden.» Heute gehört der Russe mit seinen melancholischen Stücken «Die Möwe» (Uraufführung 1896 in Moskau), «Drei Schwestern» (1901) und «Der Kirschgarten» (1904) zu den meistgespielten Autoren weltweit.

Tschechow sah seine Werke als Komödien, auch wenn ihnen der Wortwitz, die Verwicklungen fehlen. «Schon der zeitgenössischen Kritik fehlten die sonst üblichen Knalleffekte», sagte Urban. Die Komik liege in der Unfähigkeit der Bühnenfiguren, ihr Leben zu durchschauen und zu verändern. «Das Leben hat seine tragischen Seiten, die komisch wirken können.» Die Gebrochenheit der Figuren mache Tschechow so modern. «Er hatte einen so genauen Blick auf die Comédie humaine (menschliche Komödie), dass er zeitlos ist.»

In Deutschland habe Tschechow allerdings lange als unspielbar gegolten, «vor allem als unsprechbar», sagte Urban. Er führte das auf schlechte Übersetzungen zurück, die nicht die Genauigkeit und Lakonie von Tschechows Sprache erfasst hätten. Erst in den 60er und 70er Jahren hätten internationale Theatermacher wie Ingmar Bergman und Giorgio Strehler den Bühnenautor populär gemacht, dann sei auch in Deutschland das Interesse gewachsen. Tschechows Präsenz auf den Bühnen verdecke fast den Blick auf sein Prosawerk. «Heute kennen wir ihn weniger als Erzähler», sagte der Übersetzer.

Urban (68), der im Vogelsberg in Hessen lebt, gilt als der wichtigste Übersetzer Tschechows in Deutschland und ist für sein Werk mehrfach ausgezeichnet worden. Seine eigene Arbeit an Tschechow habe um 1970 mit den Dramen begonnen, zunächst mit dem «Kirschgarten», berichtete er. «Es war halsbrecherisch genug, gleich mit dem letzten, kompliziertesten Stück anzufangen.» Derzeit übersetzt Urban die späten Kurzgeschichten Tschechows, die als Meisterwerke des früh verstorbenen Schriftstellers gelten.

Zum 150. Geburtstag von Tschechow wird das Deutsche Theater Berlin Ende Februar seine Erzählung «Krankenzimmer No. 6» auf die Bühne bringen in der Regie von Dimiter Gotscheff.

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01.02. Stein kritisiert Umgang mit Tschechow

Berlin (dpa) - Der Berliner Theaterregisseur Peter Stein hat den Umgang des modernen Theaters mit dem russischen Schriftsteller Anton Tschechow kritisiert, dessen Geburtstag sich am Freitag zum 150. Mal jährte. Tschechow sei ein leiser Autor, der präzise analysiert und anatomisiert habe, sagte Stein im Deutschlandradio Kultur. «Wenn man den mit Gewalttätigkeit und mit patschigen Händen betastet, dann muss man sich nicht wundern, wenn man ihn nicht zu fassen kriegt.»

Zugleich würdigte Stein den russischen Dramatiker als Erfinder des Gruppentheaters. Bei Tschechow stehe nicht ein Held im Mittelpunkt, sondern das Beziehungsgeflecht einer Gruppe von Menschen, sagte Stein. Das habe dem 20. Jahrhundert viel mehr entsprochen als alle anderen Dramaturgien, zum Beispiel die von Henrik Ibsen.

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