Wissen kompakt für Autoren: Verlagssuche
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Wissen kompakt für Autoren: Verlagssuche.
Alles, was Sie zum Thema Schreiben und
Veröffentlichen wissen müssen.
Frankfurt a.M. 2007, 490 S.
ISBN 978-3-937909-72-1
€ 14,80
Kapitel 4 -
Selbstverlag: Von Nutzen und Nachteil des eigenen Unternehmens
Der Selbstverlag - Vom Nutzen und Nachteil des eigenen Unternehmens
von
Charlotte Schmidt
Was in der Glosse von Klaus Britting, dem ersten Beitrag
dieses
Buches, satirisch überspitzt worden ist, begegnet vielen Autoren als traurige
Wirklichkeit: Ihr Manuskript wird von den Lektoraten der etablierten Publikumsverlage
abgelehnt. Wer dennoch von der
Qualität, der Mission oder den Verkaufschancen seines Werkes ü berzeugt
ist, für den stellt der Selbstverlag oft eine reizvolle Alternative dar.
Der Autor oder die Autorin scheint unabhängig von der Publikationspolitik
der großen Verlage zu sein und trägt selbst die volle Verantwortung
für das Gelingen des Projekts. Mit dem
dafür notwendigen Perspektivenwechsel vom kreativen Urheber
zum kühl kalkulierenden Unternehmer sind sowohl Chancen als auch Risiken
verbunden, die jeder angehende Selbstverleger kennen
sollte. Die schiere Verzweiflung über die Ignoranz der professionellen Verleger,
die das schriftstellerische Potenzial verkannt haben, ist hier allerdings der
schlechteste Ratgeber. Wem es jedoch
gelingt, mit künstlerischer Gabe und kaufmännischem Geschick neue Trends
und Themen aufzuspüren, ungewöhnliche Vertriebs- und Vermarktungswege
auszuprobieren und vor allem:
aus den anfänglichen Fehlern zu lernen, dem stehen durchaus einige
Türen vom Selbstverlag zum Kleinverlag offen, ohne welche die literarische
Landschaft wesentlich ärmer wäre. Was für massentaugliche Belletristik
nahezu aussichtslos erscheint, kann nämlich
für Regional- oder Spezialliteratur eine geeignete und erfolgversprechende
Veröffentlichungsmöglichkeit sein. Dennoch gilt es
hier vor übertriebenen Erwartungen zu warnen, denn das Verlegen
von Büchern ist mehr als eine interessante Nebenbeschäftigung, die
zudem noch die besondere Aura des Kulturträgers verspricht.
Beruf oder Berufung?
Zwar verlangt die Gründung eines eigenen Verlages
nicht zwingend eine besondere berufliche Qualifikation, doch sind
beispielsweise `Buchhändler`oder `Verlagskaufmann` anerkannte
Ausbildungsberufe, die mindestens drei Jahre tägliches Lernen abverlangen
und nicht selten sogar noch durch ein Universitätsstudium
zu ergänzen sind, bevor eine verantwortliche Position im Literaturbetrieb
angestrebt werden kann. Das Herstellen, Verlegen
und Vertreiben von Büchern ist somit ein Fulltimejob, der den vollen
Arbeitseinsatz erfordert, auch wenn der Verlag nur wenige oder gar nur ein
Buch im Programm
hat. Wer zudem noch das eigentliche
Ziel verfolgt, selbst Bücher zu schreiben, wird trotz der vermeintlich
vorteilhafteren Insider-Perspektive einer Doppelbelastung
ausgesetzt werden, die früher oder später eine Entscheidung
für das verlangt, was man am besten beherrscht. So wie es Hobbyschriftsteller
trotz des großen Enthusiasmus schwer auf dem Literaturmarkt haben,
sind dilettierende Verleger im Buchhandel eine Last, denn die anderen Handelsteilnehmer,
Buchhändler, Großhändler, Dienstleister etc. haben in der
Regel wenig Zeit und Lust,
den Selbstverleger in die Handelsbräuche einzuführen und die verpasste
Lehre kostenfrei durch Diskussionen um Akzeptanz des Buches, um Rechnungstellung,
Remissionsbräuche etc. zu ersetzen.
Rein formal gesehen ist die Gründung
eines Verlags relativ einfach: Wer volljährig ist und ein polizeiliches
Führungszeugnis vorlegen
kann, beantragt bei der zuständigen Gemeindeverwaltung einen Gewerbeschein,
der zum kaufmännischen Vertrieb der eigenen
Bücher berechtigt. Wenn der Verlag nicht nur den Namen des Autors,
sondern auch eine ansprechende Firmierung haben soll, ist
ein Eintrag ins örtliche Handelsregister erforderlich. Die Kosten
für diese Formalitäten sind regional unterschiedlich. Mit der
Gewerbeanmeldung wird auch das Finanzamt von der neuen Geschäftstätigkeit
informiert, so dass zukünftig über Einnahmen und Ausgaben Rechenschaft
abzulegen ist und Umsatz- und Gewinnerwartungen
eingeschätzt werden. Zwar wird die Gewerbesteuer erst ab einer bestimmten
Umsatzhöhe fällig, doch ist auch bereits der Selbst- oder Kleinverleger
den Grundsätzen ordnungsgemäßer
Buchführung verpflichtet, die – nebenbei bemerkt – nicht
selten über
das weitere Schicksal des Unternehmens entscheiden. Zunächst reicht
eine einfache Gewinn- und Verlustrechnung aus.
Diese wird bei etwas höherem Umsatz durch die Pflicht zur Bilanzierung
abgelöst. Und da geht es meist gar nicht mehr ohne den Steuerberater.
Eine wichtige Frage für den Neuverleger ist etwa,
ob er gegenüber dem Finanzamt die Option auf Teilnahme am Mehrwertsteuerverfahren
aussprechen soll oder nicht. Wer sich als
Kleinunternehmer für fünf Jahre von der Umsatzsteuer befreien
lässt, verzichtet nämlich u. U. auf spätere Rückerstattungen
dieser
Steuer für Anfangsinvestitionen.
Höchst unangenehm ist die Pflicht
zur jährlichen Erfassung der
Bestände (Inventur), deren Verkaufswert als Einnahme zu einem bestimmten
Prozentsatz zu versteuern ist (sog. Teilwertabschreibung). Darunter versteht
man die berüchtigte Besteuerung von Scheingewinnen (Gewinne, die
noch nicht eingetreten sind, aber
auf Grund des kaufmännischen Vorgehens vom Finanzamt erwartet werden),
die erst rückgängig gemacht wird, wenn endgültig festgestellt
ist, dass die Verkäufe nicht stattgefunden haben. Zwar
wird dieser Betrag – zuweilen erst nach Jahren – zurückerstattet,
doch muss er oft zunächst einmal aus dem Privatvermögen aufgebracht
werden.
Wer den Buchhandel zuvor nur von der literarischen Seite kennengelernt
hat, begegnet nun dem ökonomischen Aspekt: Der
Buchhändler fragt sich (und den Selbstverleger), ob für das
angebotene Buch in größerer Stückzahl Käufer zu
finden und wie die Kunden zu überzeugen sind. Denn niemand kauft
ein Buch, allein weil es angeboten wird. Es wird gekauft, weil in ihm
etwas enthalten sein
muss,
was
der Kunde gerne
besitzen möchte.
Der kluge Selbstverleger fragt sich folglich,
welche Personen sich so für sein Werk begeistern könnten
(genaue Bestimmung der Zielgruppe) und welches Interesse der Buchhändler,
der vorrangig Kaufmann ist und nicht nur Schöngeist sein darf,
haben kann, seine beschränkte Verkaufsfläche mit dem Werk
eines unbekannten Autors zu belegen und Risikoinvestitionen zu tätigen.
Es sind also mehrere wichtige Punkte für den Selbstverleger
zu beachten, bevor er oder sie das eigene Buch an die Frau oder an
den
Mann bringen kann:
Herstellung
und
Lagerung
Die
Vielfalt der Möglichkeiten in Druck, Papierauswahl, Bindungsart,
Umschlagmaterial erfordern gegenüber der Druckerei exakte
Angaben wie Papiersorte, ihre Grammatur, ihr Volumen,
welche Farbskalen für Abbildungen und Umschläge, welche
Bindung, welchen Einband, welchen Überzug, welche Oberflächenveredelung
Sie wollen, ob Sie Kapitale, Vorsatz wünschen usw.
Wenn Sie
keine exakten Vorgaben machen, wird Ihnen auch
das Angebot einer Druckerei wenig nutzen. Denn dieses ist für
den Laien auf den ersten Blick nicht durchschaubar und verlangt
Spezialkenntnisse, die den sog. "Hersteller" auszeichnen,
der die Wünsche des Verlags gegenüber der Druckerei durchsetzt.
Zwar werden von den einschlägigen Branchenorganisationen des
Buchhandels mitunter sehr kostspielige Fortbildungsseminare angeboten,
um dieses
Fachwissen zu
vermitteln, doch haben selbst erfolgreiche Selbst- und Kleinverleger
oft eine misslungene
Anfangsproduktion vorzuweisen, die gern verschwiegen wird. Wer
diese durchaus heilsame Selbsterfahrung scheut, kann sich aber
auch
an professionelle Druck- und Verlagsdienstleister wenden, die das
Projekt
in allen technischen
Fragen
betreuen. Allerdings
sind diese zusätzlichen Leistungen auch nicht kostenfrei,
sondern müssen u. U. teuer bezahlt werden.
Eine wichtige Rolle
für die Produktion des Buches spielt die
Bestimmung der Auflagenhöhe, da hier das richtige Verhältnis
zwischen Verkaufserwartung und Kostendeckung ermittelt werden
muss. Zwar sinken die Herstellungskosten anteilsmäßig
bei höheren
Auflagen, doch sollte sich der Selbstverleger nicht allein auf
sein Selbstbewusstein, sondern auf konkrete Marktbeobachtungen
verlassen.
Oft ist es sinnvoller
nachdrucken zu lassen, als auf einer
hohen Auflage sitzen zu bleiben, auch wenn die höhere Anfangsauflage
zunächst preisgünstiger erscheint.
Natürlich ist
es immer richtig, bei mehreren Druckereien Angebote einzuholen.
So lässt sich meist erkennen, wo das reelle Preisniveau
liegt. Allerdings kalkulieren Druckereien üblicherweise
höhere Preise, wenn sie mit einer Privatperson statt mit einem
Verlag zu tun haben, der wegen seiner Sachkenntnis immer weniger
Arbeit verursacht.
Einige
Druckereien lehnen Privataufträge
und Selbstverlegeraufträge sogar grundsätzlich ab, weil
der rasche Durchlauf gleichartiger Aufträge eine gute Rendite
sichert und weil ein individueller Einzelauftrag im Verhältnis
zu diesen einfach zu viel Zeit in der Abstimmung mit den Wünschen
des Selbstverlegers kostet.
Ist es Ihnen schließlich gelungen,
Ihr Buch so drucken zu lassen, dass das Werk in angemessener Ausstattung
erscheint und
Sie sich damit identifizieren können, kommt es für den
weiteren Erfolg auf die sachgerechte Lagerung der Bände an.
Bei der Lagerung in einer Wohnung ist etwa zu beachten, dass die
Bücher nicht der
Sonnenbestrahlung ausgesetzt sein dürfen. Auf keinen Fall
sollten Bücher in den üblichen Kellerräumen gelagert
werden. Keller sind in der Regel wegen der dort herrschenden Feuchtigkeit
nicht
geeignet. Gerade
bei nicht eingeschweißten Bänden stellt sich der Wassergehalt
des Papiers im Laufe kürzerer Zeit auf die Umgebung ein. So
riechen die meisten Bücher, die einmal in einem Keller standen,
bekanntlich muffig. Das ist bei einem Produkt, das auf die Freude
des ästhetischen Sinns angewiesen
ist, mehr als unangenehm und behindert alle weiteren Verkaufsbemühungen.
Buchhandel
und Vertrieb
Nun muss es darauf ankommen, das Buch unter die Leute
zu bringen.
Denn
ein Autor schreibt ja bekanntlich nicht für sich, sondern
dafür, dass andere sein Werk lesen – und vor allem:
kaufen. Dieser psychologisch heikle Moment, einen unbekannten Dritten
dazu
zu bewegen, sein
Portemonnaie zu öffnen, wird von Nichtkaufleuten
oft dramatisch unterschätzt. Die Euphorie der Familie für
das Werk, oder die Tatsache, dass Freunde und Bekannte Ihnen die
frischen Exemplare aus den Händen reißen, ist kein Beweis,
noch nicht einmal ein Indiz dafür, dass Fremde gleichermaßen
sich dazu bereitfinden werden. Und nur auf die Fremden kommt es
jedem Selbstverleger
an, um eine Verkaufsauflage zu erzielen, die die Kosten decken
kann.
Dazu kommt, dass die Vermarktung eines Buchs, angefangen
mit der Vorstellung beim örtlichen Buchhändler, den Regeln
des kaufmännischen Handelns folgen muss. Diese Handelsaktivitäten
und Kaufverträge sind oftmals sehr viel schwieriger als Buchkäufer
gemeinhin annehmen. Darf der Buchhändler beispielsweise ein
bestelltes Buch zurücksenden, weil ihm der Preis angesichts
der Druckausstattung zu hoch erscheint oder weil er mit dem eingeräumten
Rabatt nicht einverstanden ist oder weil er das Buch nicht
absetzen konnte? Dürfen Sie mit dem Besteller Versandkosten
abrechnen oder nicht? Welche Rolle spielt die sog. Buchhändlerische
Verkehrsordnung? Porto zuzüglich Mehrwertsteuer oder nicht?
Wenn ja, 7 % oder der gesetzliche Satz?
Sie bieten das Buch im
Gespräch
an, und der Buchhändler
weist Sie nicht sofort zurück. Er bietet Ihnen an, das Buch à condition
anzunehmen, d. h. unbezahlt auszulegen und am Jahresende etwaige
Verkäufe abzurechnen. Aber wie erfahren Sie, wie viele
Exemplare tatsächlich abzurechnen sind? Welcher Rabatt ist
richtig? Welche Konditionen erhalten Großhändler? Was
sind Partiestücke
und wie groß ist eine Partie, um ein kostenfreies Partiestück
zu erwirken? Wie funktioniert die Preisbindung?
Diese Fragen könnten
leicht verhundertfacht werden, denn sie sind Gegenstand der Ausbildung
zum Verlagskaufmann oder
Buchhändler. Sie sehen also, dass für einen ordnungsgemäßen
Verkauf Ihres Buchs tatsächlich detaillierte kaufmännische
Kenntnisse erforderlich sind und dass sich mit einem hübsch
gedruckten Buch allein und der bloßen Botschaft darin nur
wenig bewirken lässt.
Wenn Sie sich die betriebswirtschaftliche
Seite des Buchhandels vor Augen führen, werden Sie unschwer
erkennen, wie Sie als Selbstverleger zwischen die Mühlen des
Renditedrucks geraten können und mit welcher Mühe Sie
Ihr selbstverlegtes Buch anbieten müssen.
Der Renditedruck
ergibt sich aus der beschränkten Verkaufsfläche,
auf die rechnerisch die Kosten des Buchhändlers umgelegt werden.
Dieser Hintergrund ist die betriebswirtschaftliche Ursache dafür,
dass der Buchhändler im Selbstverlag Erschienenes
vielleicht einmal aus Gefälligkeit ins Regal stellen wird,
um sich dann möglichst rasch dem tatsächlichen Verkaufsgeschäft
(mit den anderen Titeln nämlich) zuzuwenden. Chancen haben
Sie als Selbstverleger bei Buchhändlern, die ihr Ladengeschäft
in Ihrer Nachbarschaft betreiben. Es gibt auch engagierte Händler,
die für Sie eine
Lesung ausrichten und Pressemitteilungen versenden. Aber
nur der Verkauf Ihres Buches beim Buchhändler in Ihrer Nachbarschaft
kann den Aufwand kaum rechtfertigen, einen eigenen Verlag zu errichten.
Einer
der bedeutenden Nachteile des Selbstverlags ist, dass der effektivste
Vertriebsimpuls, der bei größeren Verlagen eine
Selbstverständlichkeit ist, fehlt: Der durch die Buchhandlungen
reisende Verlagsvertreter. Der Buchhändler kauft in der Regel
nicht ein auf Grund von Anzeigen im Börsenblatt oder in Publikumszeitschriften,
sondern auf Grund besonderer Aktivitäten des
Verlags. Diese können darin bestehen, die Besprechung eines
Buchs in einer viel beachteten Literatursendung zu platzieren,
oder darin,
dass der
Vertreter die Vorzüge und die zu erwartende besondere Publikumsakzeptanz
einer Neuerscheinung im persönlichen
Gespräch mit dem Buchhändler darlegt. Der Vertreter kann
als wesentliches Merkmal für einen ordnungsgemäßen
Buchhandelsvertrieb gelten. In der Praxis können sich viele
Verlage keinen eigenen Vertreter leisten. Daher nehmen viele Verlagsvertreter
mehrere kleinere Verlage
in ihr Reiseprogramm
auf. Als Selbstverleger
dürfte es ausgesprochen schwierig sein, einen Vertreter zu
gewinnen. Denn der Vertreter muss von den Verkäufen, die er
vermittelt, naturgemäß seinen Unterhalt bestreiten.
Abgesehen davon, dass viele Vertreter ein festes monatliches Salär
vom Verlag erwarten, müssen Sie als Selbstverleger mit handfesten
Argumenten ü berzeugen
können, dass das selbstverlegte Werk gut verkäuflich
sei.
Kleinere Verlage haben sich in der Vergangenheit schon öfter
zusammengeschlossen, um Gemeinschaftskataloge zu drucken und auszusenden.
Der Zusammenschluss
senkt vor allem die extrem
hohen Portokosten, die die Post für Massenaussendungen verlangt.
Die meisten Selbstverleger, die aus ihrer Tätigkeit einen
Gewinn erwarten, können oder wollen nicht das Porto ausgeben,
das in fünfstelliger Höhe rangiert, wenn alle Buchhandlungen
in Deutschland einen Prospekt erhalten sollen. Die Effektivität
von Massensendungen liegt je nach Art der Aussendung und Zielgruppe
bei 3 %
bis 5 %. Als Selbstverleger
können Sie sich leicht ausrechnen, dass ein Prospektversand
unrentabel ist, also einen hohen
Geldverlust bedeutet.
Der Buchhändler bestellt in aller Regel
auch nicht nach Prospekten, die für den Endabnehmer hergestellt
werden, sondern wenn sich z. B. mit einem berühmten Autorennamen
eine sicherere Absatzerwartung verbindet. Der Buchhändler
weiß, dass
er z. B. den neuen Mankell 120-mal oder den neuen historischen
Roman eines anderen berühmten Autors 90-mal verkaufen kann.
Das erste Buch eines neuen Autors, das zudem noch im Selbstverlag
erschienen
ist, kann
da sicher
gar keine Konkurrenz sein.
Dem noch nicht geübten Selbstverleger drohen weitere Fußangeln.
So müssen Sie Bescheid wissen über den Sinn des sog.
Titelschutzes. Will man nicht riskieren, dass das fertige Buch
eingestampft werden
muss, ist eine
umfassende Titelrecherche erforderlich, um klarzustellen, ob der
Titel nicht bereits verwendet wird. Schon vor Erscheinen des Buchs
kann der
noch freie
Titel Ihres Buchs für max. 6 Monate geschützt werden,
durch Anzeige z. B. im Börsenblatt.
Weiterhin müssen Sie
wissen, in welche Verzeichnisse und Datenbanken Ihr Buch unbedingt
eingetragen werden muss (VLB, CIP, DNB), an
welche Einkaufszentralen etc. das Buch geschickt werden muss, um
eine gute
Streuung der bibliographischen
Daten
Ihres Buchs zu erlangen. Sie müssen wissen, dass Ihr Buch
den Barsortimenten (Großhändlern) vorgeschlagen und
schmackhaft gemacht werden muss. Erst nach Ankauf durch ein größeres
Barsortiment ist die Lieferbarkeit innerhalb von 24 Stunden gewährleistet,
ein Service, den die Leser heute als schon fast selbstverständlich
bei einer Buchbestellung voraussetzen. Kleinere
Verlage, so auch Selbstverlage, erleiden Verkaufseinbußen
allein dadurch, dass die Liefergeschwindigkeit zu gering ist und
hinter
die übermächtige Konkurrenz der etablierten Verlage zurückfällt.
Während diese über die großen Barsortimente (KNV,
Libri etc.) am Markt präsent sind, liefert der Kleinverleger
selbst über
Post an den Buchhändler aus, nachdem er gleichfalls über
Post, Fax oder Telefon den Bestellwunsch erhalten hat. Im besten
Fall, wenn
Sie als Selbstverleger
jeden
Tag in der Woche Rechnungen schreiben, verpacken und die Sendungen
zur Post bringen, bedeutet dies, dass der Buchkunde bis zu 1 Woche
auf sein
Buch warten
muss. Wegen
eines speziellen Fachbuchs oder eines dringend erwünschten
Romans nehmen die Kunden diese Wartezeit eher in Kauf. Aber kaum
wegen eines
Buches, das
bislang keiner kennt.
Außerdem muss sich der Selbstverleger
wie alle anderen Verleger auch mit der Remissionsproblematik herumschlagen.
Es ist ein ungeschriebenes
Gesetz, dass
Buchhändler nicht abgeflossene Exemplare trotz einer Festbestellung
an den Verlag zurücksenden
und eine Gutschrift erbitten können. Dabei wird die Zeitspanne
zwischen Einkauf und Verkauf im Buchhandel derzeit immer kürzer.
Kommt es nicht innerhalb kurzer Zeit zum Verkauf, schickt
der Buchhändler das Buch an den Verlag zurück.
Diese
Remissionen haben in den letzten Jahren dramatisch zugenommen.
Da die Remittenden
in aller Regel
nicht mehr verkaufsfrisch
sind, müssen die meisten in der Verlagsbilanz als Verluste
ausgewiesen und abgeschrieben werden. Das bedeutet,
dass ein nicht unerheblicher Teil der Bücher im Müll
landet. Noch problematischer ist, dass der Aufwand für Rechnungstellung,
Versand, Porto und Buchhaltung bei einer Remittende den Verlag
erheblich belastet.
Lieferungen
in den deutschen
Buchhandel mit sich zunehmend verschlechternder Zahlungsmoral und
steigender Quote an mahnbedürftigen
Handelspartnern sind daher oft problematisch. Für Lieferungen
in die Schweiz und nach Österreich gibt es zusätzliche
Schwierigkeiten. Wenn es im Handel gegenüber Inhabern von
Verkehrsnummern (beim Börsenverein gemeldeten Buchhandlungen) üblich
ist, in sog. offener Rechnung zu liefern und erst nach Lieferung
die Bezahlung der Rechnung zu erwarten, so sind offene Lieferungen
in die
deutschsprachigen
Nachbarländer schwierig und ein besonderes Risiko. Allein
diese Tatsache hat viele Verlage
veranlasst, den ausländischen Buchhandel nur gegen Vorauskasse
zu beliefern. Dieses Verfahren ist sehr zeitaufwendig, für
den Buchhändler umständlich und unangenehm und für
den Endabnehmer zeitraubend. Als Selbstverleger haben Sie kaum
die Chance,
die andere
Verlage nutzen, sich vor Ort eine Verlagsauslieferung zu nehmen.
Die Auslieferer
erwarten eine gewisse Garantie
für Mindestumsätze, die ein Selbstverleger nicht nachweisen
kann.
Fazit
Der Gedanke an einen Selbstverlag erwächst heute
in zunehmendem Maße den Autoren, die sich mit Anschreiben
an die besonders bekannten Buchverlage die Finger wund geschrieben
und
doch nur Absagen
erhalten
haben. Die Idee
des Selbstverlags wird
aber auch noch von Ratgebern gefördert, die das große
wirtschaftliche und logistische Risiko bagatellisieren. Der Brancheninsider
weiß jedoch, dass nur etwa 2 von 100 Selbstverlegern die
ausgegebenen Druckkosten von mehreren tausend Euro wieder hereinbekommen,
von
den anderen Kosten (Ihre
Arbeitszeit, Werbung, Porti, Telefon etc.) ganz zu schweigen. Circa
98% der Autoren bleiben teilweise oder ganz auf den Kosten und
auf den Büchern
sitzen.
Die steigende Nachfrage nach ISBN von Seiten neuer Selbstverleger
hat dazu geführt, dass die ISBN-Agentur (innerhalb der
Buchhändlervereinigung) seit einiger Zeit neben den ISBN-Listen
auch Einzel-ISBN verkauft. Damit wird der Einstieg in das Wagnis
erleichtert.
Wenn Sie mit einem
Manuskript dastehen, das von den Großverlagen
abgelehnt wurde, prüfen Sie, was Sie wirklich wollen.
Wenn Sie Vermögen bilden wollen, müssen Sie einen Konzern
von Ihrem Werk überzeugen oder es in die Schublade zurücklegen.
Ist das Werk abgelehnt worden, aber Sie schätzen die Verkaufs-
und Gewinnchancen dennoch als hoch ein, kann der Selbstverlag der
richtige Weg sein. Das
unternehmerische Risiko verlangt allerdings Ihren vollen Arbeitseinsatz.
Neben
der Arbeitszeit müssen Sie vor allem auch die Hartnäkkigkeit
mitbringen, sich in die Vertriebsstrukturen einzuarbeiten
und im Einzelfall sich auch bei Problemen durchzubeißen.
Sie müssen Pressekontakte aufbauen, was soviel heißt,
nicht nur Zeitungen und Zeitschriften anzusprechen, sondern dort
auch die
wichtigen
Personen
ausfindig zu machen und auf rücksichtsvolle
Art für Ihre Pläne zu interessieren. Sie müssen
bereit sein, selbst in
den Buchhandel zu gehen und dort den Buchhändler für
Festbestellungen Ihres Buchs zu gewinnen. Dies ist erschwert
dadurch, dass dem Selbstverlag
die kritische Instanz eines Lektorats fehlt
und der Buchhändler, wenn er Sie nicht persönlich kennt,
bei Selbstherausgebrachtem Eitelkeit oder Überschätzung
des Werks vermuten muss. Sie werden erleben, dass Sie gewissermaßen
als Möchtegernverleger eingeschätzt und belächelt
werden, da Sie ja Ihr eigenes Werk vorweisen. Sie müssen
bereit sein, einem Handelsvertreter ein monatliches Fixum von
z. B. € 500,-
zu gewähren,
sofern Sie überhaupt einen buchhandelsbekannten Vertreter
für Ihren Selbstverlag gewinnen können – und
dann auch noch mit der Ungewissheit, was er letztendlich für
Ihr Buch ausrichten wird. Sie müssen bereit sein, gewissermaßen
die Lehre des Verlagskaufmanns en passant oder durch learning
by doing nachzuholen.
Sie müssen in Kauf nehmen, dass Sie längere Zeit arbeiten,
ohne Ihren finanziellen Einsatz hereinzuholen und ohne einen
Gewinn zu erwirtschaften,
von dem Sie Ihre private Lebenshaltung
(mit)bestreiten können.
Wenn Sie all dies wollen und zu
tragen bereit sind, wird der
Selbstverlag Ihrer eigenen Bücher eine große Bereicherung
Ihres Lebens sein und vielleicht sogar der Beginn einer neuen
Berufslaufbahn.
Weiterführende Literatur:
-
Markus Hänsel-Hohenhausen: Der Selbstverlag.
Ein kritischer Ratgeber für Verlagsgründer. Erfahrungen, Informationen,
Anschriften und Literaturtips. Frankfurt 1999.
-
Ralf Plenz: Verlagsgründung.
Wie mache ich mich mit einem Verlag selbstständig. 6.
Aufl. Hamburg 2004.
Lesen Sie hier weitere Kapitel aus dem Autorenratgeber:
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