Wissen kompakt für Autoren: Verlagssuche
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Wissen kompakt für Autoren: Verlagssuche.
Alles, was Sie zum Thema Schreiben und
Veröffentlichen wissen müssen.
Frankfurt a.M. 2007, 490 S.
ISBN 978-3-937909-72-1
€ 14,80
Kapitel 5 -
Verlag finden: Ein Erfahrungsbericht vom großen Glück
Vom Glück, einen Verlag zu finden: Ein Erfahrungsbericht
Von Nicole
Hahn
Als ich meinen Roman beendet hatte, dachte ich: Gott sei Dank, es
ist geschafft! Ich ahnte ja nicht, daß mir das größere
Problem erst noch bevorstand.
Frohen Mutes schickte ich mein Manuskript
an Hanser, Hoffmann und Campe, DVA, Berlin Verlag, Ullstein und
manche andere.
Und dann – kam gar nichts! Das konnte doch nicht sein, dachte ich. Wochen
und Monate, dann ein Päckchen. Mein Manuskript
lag drin mit Begleitbrief: "Wir haben leider keine Kapazität, um
eingehende Manuskripte zu prüfen. Wir bedauern, wünschen
Glück" usw.
Dann drei Wochen später wieder ein Päckchen,
dann nur ein Brief mit einer Absage. Leider, hieß es, könne man
das Manuskript nicht zurücksenden, denn ich hatte ja kein Rückporto
beigelegt. Aber wer denkt denn an Rücksendungen, wenn man sein
Kind in die Welt entläßt?
Ich fragte meine Buchhändlerin, die ihren Laden direkt neben meiner
Kunstgalerie hat. Antwort: Es kursierten zehntausende Manuskripte, die allesamt
keine Chance
hätten – jedes Jahr 90.000 Neuerscheinungen und eine Million lieferbare
Titel, die den
Buchhändlern das Leben schwer machten. Mir war schwindelig.
Und dann
hatte ich mit naiver Selbstverständlichkeit geglaubt,
mein Roman würde in den Verlagen gelesen, geprüft, diskutiert ...
Der Rat der Buchhändlerin: Ich solle aufhören zu schreiben, es
sei sinnlos. Der Haushalt biete doch auch sehr schöne Aufgaben.
Ich
taumelte nach Hause. Das konnte doch nicht wahr sein. Eine
Tasse Tee mußte helfen, um mich zu beruhigen. Ich dachte nach: Es
erscheinen 90.000 Bücher, ich rechnete aus: Das waren 7.500 im Monat
und 250 pro Tag! Da Bücher ja nicht in Nachtschichten
erscheinen, sondern während der Büro- oder Ladenöffnungszeiten,
teilte ich durch 10 Stunden (25 pro Stunde) und das
bedeutete, alle 2 ¼ Minuten erscheint ein neues Buch. Während
mein Tee zog, war also gerade wieder das Buch einer Autorin geboren, dachte
ich
neidisch. Nur meines sollte nicht erscheinen!
Es ist meine Natur, nicht
so schnell aufzugeben.
Ich schlug die Zeitung auf und es trat das Erlebnis ein, das alle Schwangeren
kennen, die überall Kinderwagen sehen. Beim Blättern strahlte
mir eine Anzeige entgegen: "Verlag sucht Manuskripte!" Es gibt
Momente im Leben, in denen man bei vollem Bewußtsein dennoch
glaubt zu träumen. Eilig suchte ich etwas zu schreiben. Den Verlag
kannte ich, aber die Anschrift ...
Um es kurz zu machen: Der Verlag bzw.
die Verlagsgruppe,
zu
der der Verlag gehört, meldete sich nach Erhalt meines Manuskripts
sofort mit einer Eingangsbestätigung und der Nachricht,
das Lektorat prüfe derzeit das Manuskript. Und dann schon wenige
Tage später die Mitteilung, die Lektoratskonferenz habe die
Veröffentlichung befürwortet. Erst dachte ich, ich hätte
nicht richtig
gelesen. Dann wurde mir heiß und wieder kalt, wie das so ist,
wenn man sich so sehr freut. Ich machte einen guten Roten auf und sah
zum
Fenster hinaus.
In visionärer Ferne sah ich mich auf der Buchmesse, im Blitzlichtgewitter
der Fotografen. Fragen der
Reporter: "Wieviele Millionen Exemplare wurden von Ihrem letzten
Roman bereits verkauft?" "Stimmt es, daß Joanne K.
Rowling ihre Harry-Potter-Serie eingestellt hat, seitdem sie ihre Kunstgalerie
aufgegeben
und den Buchmarkt
erobert haben?"
Nach einigen Minuten erwachte ich aus meinem Tagtraum.
Vor mir lag die Verlagspost. Was würde nun geschehen? Sollte
ich den Verlag besuchen oder alles schriftlich abwickeln? Ich entschied
mich dazu,
den Verlag zu besuchen,
der ja mein Verlag werden sollte. Ich wollte sehen, wie es dort ist
und wer die Menschen sind, die mich in einen neuen, wichtigen Abschnitt
meines
Lebens
begleiten
würden.
Ich rief im Verlag an und fragte nach der Lektorin,
die mir die Zusage zur Veröffentlichung geschickt hatte. "Ja,
kommen Sie, wann Sie können, der Verleger und die Cheflektorin
freuen sich, sie kennenzulernen." Ich konnte es kaum glauben,
ich war willkommen und man freut sich sogar!
Einige Tage später
reiste ich ab. Ich war aufgeregt und glücklich.
Das Verlagshaus war ein stattliches Gebäude aus der Gründerzeit,
ich wurde eingelassen. Helle Wände, echte Ölgemälde,
Parkett, hohe Flügeltüren, alles sehr vornehm, dachte
ich. Hier legte man Wert auf Präsentation und Repräsentation – das
ist für
mein Buch und meinen ersten Auftritt nicht verkehrt. Ich wartete
einige Minuten im Empfang
und betrachtete die Vitrine mit Handschriften
berühmter Autoren, Michael Ende, Martin Walser, Max
Frisch, Friedrich Dürrenmatt, Heinrich Böll, Peter Handke,
ja sogar unser jetziger Papst, alle hatten an meinen Verleger geschrieben.
Ich war
stolz.
Und dann die Bücher der Verlegerfamilie aus drei Jahrhunderten.
Also, dachte ich, keine Geldmaschine, sondern ein Haus mit
Kultur und Tradition. Ich fühlte mich zu Hause.
Die junge Cheflektorin
drückte mir die Hand. "Wir freuen
uns, daß Sie da sind!" Sie geleitete mich in den Konferenzraum,
der geschmackvoll eingerichtet war. Auf dem langen Edelholztisch
stand ein
Arrangement mit Kaffee
und Tee im Silberservice, kostbares Porzellan (als Kunstgaleristin
habe ich ein Auge für die Details)
und Gebäck. "Ich hoffe, Sie haben gut hierher gefunden",
sagte der Verleger beim Eintreten. Er bat mich Platz zu nehmen.
Da saß ich nun, und die Dinge liefen ab, wie in einem Film.
Ich hörte von ferne, wie die Cheflektorin mich fragte, ob
ich Kaffee oder Tee wünschte? Ich riß mich zusammen.
Der Verleger sagte, er freue sich über
mein Kommen und darüber,
daß wir uns nun ausführlich über das Buchprojekt
unterhalten könnten. Er erläuterte den Ablauf des Gesprächs.
Zuerst würde
die Cheflektorin begründen, warum der Verlag das Manuskript
für
veröffentlichungswürdig hält, dann wolle er ausleuchten,
in welche Marktsituation das Buch eintrete und wie die wirtschaftlichen
Perspektiven
des
Projektes seien. Ich stimmte zu, und die Cheflektorin
referierte ausführlich Inhalt, Besonderheiten und Stärken
des Manuskripts. Ich war gerührt und bedankte mich für
die Analyse. Der Verleger fragte seine Mitarbeiterin, ob sie
Möglichkeiten
sehe, das Manuskript zu verbessern. Diese sagte, es gäbe
vereinzelte stilistische Fragen. Die würde aber der Fachlektor,
der das Werk später bearbeite, auflisten und mit mir besprechen.
Ich war überrascht.
Ich wußte, daß Lektoren mit ihren Autoren nicht immer
sanft umspringen. Das hier aber klang freundlich.
Der Verleger
wies mich dann daraufhin, daß das Projekt
Drittmittel benötige, um mit sinnvollem Aufwand erscheinen
zu können.
Ich bejahte, denn ich hatte den Verlagsvertrag vorab zugesandt
bekommen, um alles in Ruhe
prüfen zu können. Darin war bereits von den Publikationskosten
die Rede, die ich zu tragen
hatte. Das war für mich allerdings auch völlig normal,
denn im Kunstbereich ist es ebenso üblich, daß junge
Künstler,
die noch keine Galerie für sich gewinnen konnten, sich eine
Galerie mieten und dafür die Kosten übernehmen. "Goethe,
Schiller und Hermann Hesse sind diesen Weg gegangen," sagte
mein Gegenüber.
Ich erinnerte mich auch an ein Buch des Buchwissenschaftlers
Stephan Füssel, in dem tatsächlich berichtet wurde,
daß auch
Schiller keine
Lust hatte, darauf zu warten, von hochmögenden Verlagen
erhört
und auserwählt zu werden, und daß er sich gewissermaßen
in den Buchbetrieb selbst einkaufte. Das war der Anfang seiner
Schriftstellerlaufbahn!
"Also,
das mit dem Geld," sagte ich, "ist nicht das Problem.
Mir ist klar, daß es ohne Geld nicht geht. Was mich aber
interessiert, sind die Leistungen des Verlags." Der Verleger
erläuterte
ausführlich
das Prozedere des Lektorats, der Herstellung und Produktion sowie
des Vertriebs, der Buchmessen
in Frankfurt, Leipzig und
Basel. Ich sollte, sagte er, während der Messen lesen. Das
konnte, dachte ich noch einmal, alles nicht Wirklichkeit sein.
So erträumt
sich wohl jeder Autor die Zusammenarbeit mit einem Verlag.
Der
Verleger gab mir eine
umfangreiche
Darstellung des Vertriebs. " Das ist das Herzstück
eines Verlags für
neue Autoren.
Hier sehen Sie unsere Mitarbeiter bei allen notwendigen Tätigkeiten,
die zu einer Markteinführung unbedingt dazugehören." Tausenden
Buchhändlern
und über 500 Medien würde mein Buch
durch direktes Anschreiben vorgestellt. "Die FAZ",
der Verleger lachte, "hat sich früher schon darüber
beschwert, daß wir
sie mit Neuerscheinungsinformationen bombardierten. Das ist aber
nun einmal der Auftrag unserer Autoren." Ich würde,
sagte er, einige Monate nach Erscheinen des Buches außerdem
einen detaillierten Vertriebsbericht erhalten ("das gibt
es nur bei uns"), der
sämtliche
Ansprechpartner auflistet, denen mein Buch vorgestellt wurde. " Der
Grund, warum wir eins der führenden Verlagshäuser sind,
ist die Transparenz unserer Arbeit." Ich war beeindruckt.
"Aber," fügte
er an, "es
gibt kein Investment ohne Risiko. Es gibt keine Erfolgsgarantie,
denn die Verlage hängen von den Medien ab, davon, ob Besprechungen
erscheinen oder nicht, vom
Buchhandel, von Begegnungen auf den Messen usw." Der Verleger
wies mich auch darauf hin, daß jeder Verlag von jedem Autor
erwarte, daß er oder sie sich auch selbst dem Publikum
stelle und Lesungen anbiete. Eine Verpflichtung gebe es zwar
nicht, aber
was ich tun könne, solle ich tun. Ich sagte spontan, daß ich
in jedem Fall interessiert bin, Lesungen zu halten. Dies sei
wichtig für
mich, das Erzählen vor einer Zuhörerschaft sei ja schließlich
der Grundakt von Literatur usw.
Schließlich kam es zum Abschluß des
Verlagsvertrages.Die Dokumente wurden gezeichnet, geöst
und mit der ISBN versehen. Das war nicht ohne Feierlichkeit und
wird mir unvergeßlich
bleiben.
Das Gespräch endete, wie es begonnen hatte, mit
Zugewandtheit und gegenseitigem warmem Interesse. Ich spürte,
mit diesen Menschen kann ich arbeiten, hier kann ich mich zu
Hause fühlen.
Ich verließ das Verlagshaus mit realistischen Erwartungen
an meine Zukunft als Autorin.
Heute, vier Jahre später, kann
ich nur sagen, die Veröffentlichung,
die Lesungen, die Buchmessen, das war eine große, eine
spannende Aufgabe, der ich mich gern gestellt habe. Auch wirtschaftlich
blieb
der Erfolg nicht
aus, dank auch der engagierten
Verlagsmitarbeiter. Jetzt erscheint mein zweiter Roman.
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