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Wissen kompakt für Autoren: Verlagssuche

Der folgende Text ist entnommen aus:Der Ratgeber für neue Autoren 2006/2007
Wissen kompakt für Autoren: Verlagssuche.
Alles, was Sie zum Thema Schreiben und
Veröffentlichen wissen müssen.
Frankfurt a.M. 2007, 490 S.
ISBN 978-3-937909-72-1
€ 14,80

Kapitel 1 - Die Verlagssuche: Eine Glosse über die Schwierigkeiten

Was, Sie haben ein Buch geschrieben?
von Klaus Britting

Herzlichen Glückwunsch! Ihr Manuskript nähert sich der Fertigstellung oder ist gar schon beendet? Sie haben sich natürlich ein Thema vorgenommen, das Ihnen am Herzen liegt. Und mit Herzblut einen Roman daraus gemacht. Und ebenso natürlich gehen Sie davon aus, dass "Ihr" Thema, Ihr Roman Millionen von Leser(innen) anspricht. Na sagen wir mal: zumindest einige Hunderttausend. Jetzt brauchen Sie nur noch einen Verlag. Und Sie wissen: das kann doch nicht so schwer sein, einen zu finden. Schließlich sehen Sie in jedem Kaufhaus Bücherberge der verschiedensten Verlage, ganz zu schweigen vom gut sortierten Buchhandel. Und vielleicht haben Sie schon einmal einen Katalog der Frankfurter Buchmesse in der Hand gehabt? Wohin Sie in diesem Katalog auch blicken: Verlage wie Sand am Meer! Die werden sich um Ihr Buch noch raufen, ganz bestimmt ...

Damit Sie sich Arbeit sparen, gehen Sie klugerweise mit Papier und Stift in Ihre Buchhandlung und schauen sich um. Sie notieren Verlagsnamen mit dem Verlagsort, um dann später im Internet Adressen und Telefonnummern ausfindig zu machen. Vielleicht kennen Sie Ihren Buchhändler näher und trauen sich, ihm von Ihrem Plan zu erzählen. "Was, auch Sie haben ein Buch geschrieben?", sagt er zu Ihnen und lächelt, durchaus freundlich. Was Sie nicht wissen können: er bedauert Sie. Denn mehrmals im Monat erzählen ihm Kunden, dass sie daran dächten, ihre Lebenserinnerungen, ein Kinderbuch, ein Kochbuch oder einfach einen Roman zu schreiben. Oder schlimmer, dass sie das Manuskript bereits fertig haben. (Denn besser wäre es gewesen, nur einmal rund zehn bis fünfzehn Seiten zu Papier zu bringen und ein Inhaltsexposé anzufertigen, bevor Sie weiterschreiben.) Weil Ihr Buchhändler oder Ihre Buchhändlerin freundliche Menschen sind, die außerdem keinen Kunden verlieren wollen, geben sie Ihnen gleich die Anschriften von einigen Verlagen, die ihnen mehr oder weniger zufällig sofort einfallen.

Klar, dass Sie zu Hause gleich aktiv werden. Sie lassen das Manuskript durch Verwandte an deren Arbeitsplätzen kostenlos fotokopieren. Und wenn Sie dann nach einigen Wochen endlich fünf komplette Manuskripte in Händen haben, schreiben Sie umgehend an die fünf Verlage, deren Adressen Sie in der Buchhandlung erhalten haben. Und natürlich heben Sie die einzigartigen Vorzüge gerade Ihres Themas, Ihres Romans so hervor, wie nur Sie es können. Schließlich sind Sie der Autor! Dann warten Sie. Tag für Tag. Woche für Woche.

"... müssen wir uns bei der Annahme neuer Manuskripte sehr zurückhalten."

Nach quälenden viereinhalb Wochen trifft der erste Brief ein: Ihr Buchprojekt passt "im Augenblick" nicht ins Programm. Lässt das für die Zukunft hoffen? Nein, vergessen Sie den "Augenblick". Ihr Buch passt bei diesem Verlag nie ins Programm. Denn würde man es wirklich wollen, hätte man Sie auf derzeitige Zwänge hingewiesen und auf das nächste Programm vertröstet. Sie fragen sich, ob Verlage wirklich nicht merken, welchen Unsinn sie schreiben. Dann die nächste Absage: "... sind wir zur Entscheidung gelangt, dass sich Ihr Werk nicht für eine Veröffentlichung in unserem Verlag eignet." Wieso nicht? Der Verlag hat doch bereits ähnliche Themen oder Romane veröffentlicht, einer kam sogar auf die Bestsellerliste! Warum nicht auch Ihr Buch? Aus welchem Grund verweigert man Ihnen den verdienten Erfolg?

Verlag Nummer drei - inzwischen sind acht Wochen vergangen - teilt Ihnen mit: "Angesichts von uns ganz anders gesetzten Programmschwerpunkten, einer sehr begrenzten Anzahl von Programmplätzen und langfristiger Vorausplanung müssen wir uns bei der Annahme neuer Manuskripte sehr zurückhalten." Tja, Sie hätten nicht an eine Konzerntochter schreiben sollen. Bei diesen ist es durchaus üblich, dass Ihnen aus einem Zentrallektorat von irgendeinem inkompetenten Mitarbeiter derart gestelzte, dümmliche Antworten geschickt werden. Suchen Sie nicht nach dem Sinn solcher Aussagen. Es gibt keinen. Und notieren Sie vorsichtshalber gleich: je größer die Verlage, umso höher die Anzahl an desinteressierten, schlecht ausgebildeten und inkompetenten Mitarbeitern, die in jeder anderen Branche (ebenso erfolglos) arbeiten könnten.

Dann der vierte Verlagsbrief, nach zehneinhalb Wochen: "Wir werden täglich bis über beide Ohren mit Manuskripten und Vorschlägen eingedeckt ..." Nein, Sie brauchen gar nicht mehr weiter zu lesen. Schließlich die letzte Antwort, endlich eine Offenbarung: "Was ich beim Querlesen in Ihrem Manuskript gesehen habe, gefällt mir, nicht nur, weil ich unweigerlich auf Situationen und Reflexionen gestoßen bin, die mir nicht ganz unbekannt sind." Sie bekommen einen Adrenalinstoß. Genau auf diese Antwort haben Sie gewartet. Endlich einer, der Sie versteht, der Ihren Stil zu schätzen weiß. Begierig lesen Sie weiter: "Wenn ich Ihnen heute dennoch absagen muss, hat das Gründe, die nichts mit der Qualität Ihres wirklich interessanten und durchaus lesenswerten Werkes zu tun haben ..." Verdammt, das darf doch nicht wahr sein, entfährt es Ihnen. Doch doch, verehrter potentieller Autor, es ist wahr.

Nun werden Sie nicht gleich nach fünf Absagen aufgeben. Sie besorgen sich neue Verlagsadressen, schreiben noch intensiver über Ihr Buch - und warten und warten - bis die nächsten Absagen ins Haus flattern. Darunter mit Argumenten, die sich gut als Lacherfolg in einer Comedy-Sendung präsentieren ließen. Und wenn Sie stahlhart sind, machen Sie diese Tour noch einige Male und fügen zusätzlich Fotos eines teuren Fotografen bei. Wenn Sie keine größere optische Auffälligkeit aufweisen, auch nicht durch Presse und TV bekannt sind, werden Sie die Sinnlosigkeit Ihres Treibens bald einsehen. Natürlich können Sie nicht einmal annähernd erahnen, welcher Zufall nötig ist, damit gerade Ihre Sendung geöffnet und das Manuskript auch wirklich gelesen wird. Sagen wir, zumindest die ersten drei Seiten und dann quer durch den Text weitere zehn. Verfolgen wir doch einmal den Weg, den Ihr Manuskript nimmt oder nehmen kann, bis ein Buch auf dem Ladentisch des Buchhändlers daraus wird.

Das Lektorat - oder das Glücksspiel beginnt

Mit Absicht habe ich nicht den Verleger an die Spitze des Leidensweges gestellt. Zum einen gibt es kaum noch größere und mittelständische Verlage, in denen es einen richtigen Inhaber- Verleger gibt, der noch selbst jedes eingehende Manuskript zur Kenntnis bekommt. (Lesen könnte er es aus zeitlichen Gründen ohnehin nicht.) Aber auch in kleineren Verlagen mit dem Verleger als Inhaber erfolgt die Erstbearbeitung Ihrer so liebevoll verpackten Manuskriptsendung in der Regel im Lektorat. Auf die Position des Verlegers komme ich noch zu sprechen. Und damit wir uns richtig verstehen: ich spreche hier ausdrücklich nicht über wissenschaftliche oder Fachbuchverlage, auch nicht über Sachbuchverlage, die auf wenige Gebiete spezialisiert sind (wie Kochen, Garten, Heimtiere, Gesundheit) und deshalb über Lektoren mit einschlägigen Spezialkenntnissen verfügen. Und wenn ich Lektor sage, meine ich natürlich auch die sehr vielen Lektorinnen. Leserinnen mögen mir also verzeihen, wenn ich aus Platzgründen nicht beide Geschlechter erwähne.

Das Lektorat eines normalen Verlages mit belletristischer und Sachbuchliteratur der verschiedensten Bereiche ist die einzige Abteilung des Verlages, in welcher zwar meist intelligente, aber für den Beruf hoffnungslos unausgebildete Menschen tätig sind, in der ständigen Hoffnung, endlich (oder wieder einmal) mit einem selbst entdeckten Titel den großen Wurf zu landen. Es gibt nämlich keine Berufsausbildung dafür. Lektor kann theoretisch jeder werden, in der Praxis haben viele an Hochschulen studiert. Zum Beispiel Kunstgeschichte, denn die Anzahl der Studenten übersteigt den Bedarf mehrfach. Da kommen einige auch in Verlagen unter, die keine Kunstbücher führen. Oder Romanistik, Anglistik, Amerikanistik. Da mag sich jeder selbst ausrechnen, wie hoch das Interesse dieses Lektors später an deutscher Literatur sein wird. Ganz zu schweigen von Lektoren, die als Altertumskundler, Soziologe oder Psychologe in ihrem Studienzweig keinen Beruf fanden und durch Zufall in Verlagen unterkamen. Learning by doing ersetzt die Berufsausbildung des Lektors. Und je älter er wird, umso mehr wird er in der Lage sein, die Qualität von Manuskripten zu beurteilen. Na, hoffentlich gerät Ihr Manuskript in die Hand eines Erfahrenen.

Es ist also ein Irrtum zu meinen, jeder Lektor müsse ein Germanistikstudium erfolgreich absolviert haben. Das ist eher hinderlich. Die Anzahl der Quereinsteiger, die aus völlig unterschiedlichen Ausbildungswegen und Berufen heute als Lektoren tätig sind, ist nicht gering. Ein sehr bedeutender Verlag hatte wegen eines Engpasses auf Empfehlung einen wenig beschäftigten Schauspieler engagiert, der einen angenehmen Eindruck machte. Er wurde zu einem tüchtigen Lektor und blieb bis zur Pensionierung. Eine promovierte Germanistin, die direkt von der Uni als Junglektorin für einen Sachbuchverlag engagiert wurde, entpuppte sich auf völlig anderem Gebiet als großes Talent. Sie erwies sich später als außerordentlich erfolgreiche Kochbuchautorin. Und viele Menschen, die eigentlich gern Schriftsteller oder Journalisten geworden wären, sitzen als Lektoren in Verlagen und bewerten Manuskripte. Doch dies tun sie eher nebenbei.

Was macht denn eigentlich ein Lektor?

Die Haupttätigkeit des Lektors, sofern er nicht bei einem großen Verlag als so genannter Cheflektor fungiert, in der Welt herum jettet und sich mit bedeutenden Autoren fotografieren lässt, ansonsten hauptsächlich als Frühstücksdirektor im Verlag tätig ist, besteht nämlich im Redigieren, also in der Bearbeitung angenommener Manuskripte, in der Zusammenarbeit mit dem Autor, der Diskussion um Textänderungen und deren Realisierung. Und dies kann in Einzelfällen sehr viel Zeit erfordern und außerordentlich quälend sein. Denn der Autor versteht natürlich vom Büchermachen nichts, häufig ist ihm jede Systematik fremd. Im Manuskript laufen die Handlungsstränge kreuz und quer. Der Lektor ist auch nach dem vierten Umschreiben einzelner Passagen durch den Autor verzweifelt. Diese Auseinandersetzungen führen bei Lektoren verständlicherweise auch zu Frust. Und in dieser Stimmung soll er positiv über Ihr Manuskript urteilen?

Sie erkennen also, welch ungewisser Behandlung Sie Ihr Manuskript durch die Sendung an einen Verlag aussetzen? Es ist schon ein Zufall, ob Ihr Manuskript auf einem Wartestapel oben oder ganz unten liegt. Ob die Sekretärin im Lektorat Ihre Sendung sofort öffnet oder auf den Haufen ungeöffneter Pakete legt, auf dem schon nächste Woche einige weitere Sendungen darüber liegen. Nehmen Sie auffälliges Packpapier, kanariengelb oder lila. Oder eine runde Hutschachtel als Behälter, runde Sendungen fallen auf! Oder Sie verwenden einen ausgeflippten Aufkleber. Einschreiben nützen nichts, denn Sie haben ohnehin keinen Anspruch auf Rücksendung. Lassen Sie sich also etwas einfallen, sonst kann es Ihnen passieren, dass Ihr Manuskript auch dabei ist, wenn der Lektor zu seiner Sekretärin zweimal jährlich sagt: "Wenn ich aus dem Urlaub zurück komme, will ich von den unausgepackten Sendungen,die hier überall herumliegen, nichts mehr sehen. Also alles zurück mit dem üblichen Schreiben. Wir sind voll!" Falls Sie übrigens prüfen wollen, ob der Hinweis in der Verlagsabsage "Wir haben Ihr Manuskript mit aller Sorgfalt geprüft" stimmt, empfehle ich Ihnen, in der zweiten Hälfte des Manuskriptes zwischen zwei Blätter einen dünnen Leimtropfen zu setzen. Sind die beiden Seiten nach der Rücksendung immer noch zusammengeklebt, dann wissen Sie, was es mit der Sorgfalt auf sich hat.

Ein Vierer im Lotto

Nehmen wir jetzt aber einmal an, Sie haben in diesem Lottospiel einen Vierer gezogen, das heißt hier: Ihre Sendung ist tatsächlich geöffnet worden. Die Sekretärin oder ein Praktikant im Lektorat (für diesen Job stehen ganze Jahrgänge von Germanisten Schlange) fand die ersten Seiten Ihres Textes amüsant, interessant oder gar spannend. Er liest also weiter und weiter und ist begeistert. Natürlich sagt er das seinem Lektor und schreibt dazu eine halbe oder ganze Seite, die er dem Manuskript beifügt. Denn der Lektor kann die vielen Urteile, die er irgendwo hört, natürlich nicht im Kopf behalten. Er ist schon froh, wenn er die Inhalte der vielen Bücher, die er gleichzeitig bearbeiten muss, nicht durcheinander bringt. Denn er steckt fast ständig im Terminstress und ist gar nicht in der Lage, sich einzelnen Titeln so zu widmen, wie er es selbst gern möchte und wie dies im Hinblick auf die Qualität erforderlich wäre. (Als erfahrener Leser haben Sie das in den letzten Jahrzehnten sicherlich auch gespürt. Den großen Verlagen aber ist es offensichtlich egal.)

Nehmen wir also als weiteren Glücksfall an: der Lektor greift irgendwann tatsächlich zu Ihrem Manuskript und liest und liest tatsächlich weiter und ist der Meinung, für eines der nächsten Programme könne man Ihr Buch vielleicht verwenden. Das wäre dann schon ein Fünfer im Lotto. Der kluge Lektor lässt einen Kollegen gegenlesen, um seine Meinung abzusichern. Findet er auch hierBestätigung, dann ruft er Sie an oder schreibt Ihnen, weil er Sie persönlich kennen lernen möchte. Ihnen stockt das Blut, denn das haben Sie höchstens erhofft, aber gewiss nicht damit gerechnet. Sie treffen sich mit ihm an einem dritten Ort, den der Lektor auf seinen Reisen in der nächsten Zeit ohnehin kreuzt. In einem Bahnhofsrestaurant vielleicht. Er will mit Ihnen natürlich nicht nur über Ihr Manuskript reden. Er will vielmehr wissen, wer Sie sind und wie er Ihre Biographie im Verlag möglichst interessant und aufregend darstellen und "verkaufen" kann. Dass Sie weder vom Fernsehen noch vom Film noch aus Klatschspalten der Regenbogenpresse bekannt sind, ist ohnehin ein Manko. Da sollten Sie wenigstens interessant aussehen oder aufregende Hobbys haben. Oder einen außergewöhnlichen Beruf. Wenn Sie als Bestatter beispielsweise Krimis schreiben, dann klingt das schon interessanter, als wenn Sie Sachbearbeiter im Wasserwirtschaftsamt wären. (Es sei denn, Sie spezialisieren sich in Ihren Krimis auf Wasserleichen.)

Ihr Outfit ist wichtig! Tragen Sie zur grünen Haarfarbe beispielsweise roseefarbene Hüte. Oder verrückte Brillen. Oder erscheinen Sie ganz in Schwarz, das weckt schon mal Anteilnahme. Es gibt viele Möglichkeiten, sich von der Masse abzuheben. Kurz: Sie müssen irgendetwas an sich haben, was sich später als Besonderheit herausstellen lässt. Und das will der Lektor feststellen und nicht nur über Ihr Manuskript reden, das er ja schon kennt. Wenn Sie dieses Treffen mit gutem Gefühl hinter sich gebracht haben und vom Lektor hören, dass er ihr Buch bringen will, haben Sie schon viel erreicht. Aber glauben Sie bitte nicht, Ihr Manuskript sei damit schon angenommen.

Der Marketingchef: "Schon wieder ein deutscher Autor?"

Vor fünfzig, vierzig Jahren gab es in Verlagen noch keine Marketingchefs. Man brauchte sie nicht. Die Verlage waren kleiner, der Verleger entschied allein oder mit dem Lektor, welche Titel er verlegen wollte. Dann wurde zur endgültigen Absegnung jeder Entscheidung allenfalls der Vertriebsleiter (damals hieß er noch Auslieferungsleiter, weil man sich genierte zuzugeben, dass man Bücher schließlich auch verkaufen muss) informiert, manchmal sogar gefragt. Der konnte schon noch gegen den einen oder anderen Titel opponieren, mehr aber auch nicht. Die Handschrift des Verlegers und seines Lektors war weithin sichtbar. Und dies ist auch heute in kleineren Verlagen noch so. Ein Glück für die gesamte Branche! (Als herausragendes Beispiel für all die Inhaberverleger nenne ich hier den Klaus Wagenbach Verlag, Berlin, dessen oft politisch ausgerichtetem Programm man ideologisch nicht zustimmen muss. Die Lebensleistung von Klaus Wagenbach, der die Leitung inzwischen an seine Frau übergeben hat, bleibt jedoch unbestritten.)

Schon in mittelgroßen, auf jeden Fall aber in allen größeren Verlagen sorgen heute ein Mann oder eine Frau dafür, dass die Entscheidungen des Lektorats allenfalls als Vorschläge zu werten sind: der Marketingchef. Und das verunsichert auch einen Teil der Lektoren, vor allem solche mit wenig Berufserfahrung. Sie setzen sich für "ihre" Titel ein, mit deren Autoren sie so nett gesprochen haben. Und übersehen dabei manchmal, dass ihre Titel gegen andere, von anderen Lektoren ausgewählte, im Haus anzutreten haben. Wenn also zufällig drei annehmbare Manuskripte mit ähnlichem Inhalt (die Handlungen spielen beispielsweise alle in Südengland oder handeln von geschiedenen Frauen, die sich in verheiratete Männer verlieben) vorliegen, wird man aus Marketinggründen wahrscheinlich nur eines davon bringen. Pech für die anderen beiden Autoren. Und wenn der Marketingchef bei einem Titel den Daumen nach unten senkt, wird sich jeder Verlagsleiter hüten, das Buch trotzdem zu verlegen. Der Misserfolg wäre nämlich sicher.

In früheren Zeiten hatten Marketingchefs viel Buchverstand. Sie waren in der Regel vorher Vertriebs- oder Werbeleiter und wuchsen dann in ihren immer größer werdenden Verlagen in die Rolle eines Marketingleiters. Heute kommen Marketingleiter immer häufiger aus anderen Branchen und glauben, ihr allgemeines Verständnis von Marketing auch im Buchhandel durchsetzen zu können, etwa nach dem Motto: "Ich habe drei Zeitschriftentitel relauncht, da wäre es doch lachhaft, wenn ich nicht auch im Buchhandel Erfolg hätte." Der kleine Unterschied: Zwischen dem Zeitschriften- und dem Buchleser liegen Welten! Wer den Buchhandel mit seinen vielen kleinen eigenen Gesetzen und seinen so individuellen und schwierigen Buchhändlern (und Buchhändlerinnen!) nicht kennt oder nicht sehr schnell kennen lernt, wird nicht wirklich erfolgreich sein. Welches Glück wird Ihr Manuskript haben? Gerät es in die Hände eines Bücherliebhabers oder eines Betriebswirts, den nur Zahlen interessieren? Eines Mannes oder einer Frau?

Ist der Verlag gut organisiert, erhält die Marketingabteilung vom Lektorat automatisch Exposés über von ihr ins Auge gefasste Bücher zusammen mit einigen Seiten des Manuskriptes. Da kann es dann schon passieren, dass der Marketingchef ausruft: "Schon wieder ein deutscher Autor?" und hinzufügt. "Wir mussten doch schon im letzten Programm diesen Flop vom Neffen des Chefs aufnehmen ..." Sie, verehrter Autor, sollten nämlich nicht vergessen, dass Ihr Manuskript nicht nur gegen Manuskripte deutscher Autoren antritt. In nicht wenigen Verlagen sind Übersetzungen aus anderen Ländern in der Überzahl. Denn hier hat der Lektor den Vorteil, auf den Erfolg des Buches im Ursprungsland hinweisen zu können. Da muss er sich nicht anstrengen und kein Risiko eingehen. Das klingt doch bei der späteren Programmkonferenz ganz anders, wenn er sagen kann: "Und hier haben wir den neuen Thriller von XYZ, einem Erfolgsautor, den Sie alle kennen und den wir bisher schon gut verkauft haben", als wenn er stotternd anfängt, über Sie und Ihr Manuskript zu referieren. Und so wird jeder Marketingchef einen ausländischen Autor vorziehen, wenn dessen Buch in der Originalsprache erfolgreich war. Was natürlich nicht heißt, dass es in Deutschland erfolgreich läuft. Doch dafür haftet der Marketingchef nicht. (Im Zweifel dann schon eher der Lektor!)

Läuft Ihr Buch als "Füller" oder Außenseiter?

Der Marketingchef hat ein existentielles Interesse, verkaufsstarke Titel im Programm zu haben. Nur so kann er seinen Vertriebsleiter (so nennt man verschämt den Verkaufsleiter in den meisten Verlagen), und dieser wiederum seinen Außendienst motivieren. Er teilt sein Programm mindestens in drei Teile: Die wenigen Spitzentitel, die das Geld bringen sollen. Für sie wird stark geworben und im Presse- und PR-Sektor alles Denkbare getan. In diese elitäre Gruppe werden Sie mit Ihrem ersten Buch nicht kommen, klar! Das Gros des Programms soll mit Pluszahlen laufen, nach Möglichkeit. In dieser Gruppe werden Sie wahrscheinlich auch nicht sein. Und dann gibt es noch so genannte "Füller" und Außenseiter, von denen man fürchtet oder schon vorher weiß, dass sie die Kosten kaum einspielen werden. Aber natürlich hofft jeder auf die berühmte Ausnahme. Sie eingeschlossen.

Ertrunken - in der Programmkonferenz

Um unseren Faden fort zu spinnen, nehmen wir jetzt zu Ihrem weiteren Glück an, Ihr Manuskript sei von der Marketingleitung nicht abgelehnt worden. Das wäre dann ein glatter Sechser in unserem Lottospiel. Sie haben viele Wochen lang nach der positiven Äußerung des Lektors gewartet, oft schlecht geschlafen. Es folgt nun die letzte Entscheidungsphase: die Programmkonferenz. Je nach Größe des Verlages können daran unterschiedlich viele Mitarbeiter teilnehmen. Denn es geht ja hier nicht allein um Ihr Buch, sondern um das gesamt Programm des Verlages für einen bestimmten Zeitraum, der ein halbes Jahr, aber auch kürzer sein kann. Da stehen dann bei kleineren Verlagen fünf bis zehn Titel zur Diskussion, bei großen Verlagen auch schon mal sechzig Projekte, die es zu einem insgesamt ausgewogenen, verkaufsstarken Programm zusammenzufügen gilt.

Und weil die Gesamtkapazität des Verlages auch aus finanziellen Gründen begrenzt ist, werden einzelne Themenbereiche bei dieser Gelegenheit auch gegeneinander antreten. Die Lektorin für Frauenromane gegen den Lektor für das eher Intellektuelle. Der Lektor für den phantastischen ausländischen Roman gegen die Lektorin für deutsche Literatur. Und wenn es im Sachbuchbereich gleich mehrere interessante Titel gibt, wird man sich eher entschließen, hier den einen oder anderen Titel mehr zu bringen und dafür das Belletristikprogramm zu kürzen. Es könnte aber auch sein, dass der Verlag gerade in diesem Halbjahr seine Investitionen ins neue Programm ohnehin kürzen muss, weil es ihm so gut nicht geht. Und damit sind Sie mit Ihrem Roman rausgeflogen, regelrecht ertrunken. Zumindest "im Augenblick".

Sie sehen: es muss nicht an der Qualität Ihres Manuskriptes liegen, wenn Sie letztlich nicht zum Zuge kommen. Zu viele verschiedene Faktoren wirken mit. Tatsache ist, dass belletristische Verlage eine große Scheu vor unbekannten deutschen Autoren haben, die einem größeren Publikum nicht bekannt sind, wenn diese Autoren nicht die Möglichkeit haben, für sich zu werben. So wundert es nicht, wenn in Bestsellerlisten besonders häufig deutsche Autoren auftauchen, die durch Ihre Tätigkeiten in bekannten Presseobjekten über die vielfältigsten Beziehungen verfügen, um zu (guten) Besprechungen Ihrer Bücher zu gelangen. Sie erregen dadurch mehr Aufmerksamkeit, werden dann auch von der zweiten und dritten Garnitur der Literaturkritik besprochen. Und besser verkauft! Ein ganz einfacher Zusammenhang. Und dies ist natürlich der Punkt, bei dem besonders die PR-Chefin (in den meisten Verlagen sind es Damen, die diesen Beruf ausüben) des Verlages aufhorcht. Je nach Persönlichkeit wird sie in der Programmkonferenz mitreden, weil sie abwägen muss, bei welchen Büchern sie Kapital aus dem Bekanntheitsgrad des Autors, seinen Beziehungen zu den Medien und einem vielleicht sensationellen Inhalt seines Buches schlagen kann. Oder auch gar nichts! So wie vielleicht bei Ihnen?

Weil aber die PR-Chefin auch ihren Spaß haben und gern reisen und bei Pressekonferenzen mit dem Autor gut sichtbar auftreten will, interessiert sie der Autor ohne Eigenschaften überhaupt nicht. Nehmen wir aber auch hier den für Sie günstigsten Fall an: die PR-Chefin hat zu Ihrem Glück am Tag der Programmkonferenz einen schweren Kopf. Sie hat mit einem bedeutenderen Journalisten die Nacht durchgezecht und ihm dabei auch die wichtigeren neuen Titel des Verlages präsentiert. Sie ist müde und mag sich nur zu den Spitzentiteln äußern. Kein negatives Wort zu Ihrem Manuskript, von dem sie frühzeitig Unterlagen hatte. Sie haben Glück gehabt und die Sitzung überstanden. Dem Verlagsvertrag steht nun nichts mehr im Weg!

Ein Verlagsvertrag mit überraschenden Konditionen

Der Lektor hat Sie angerufen und von "seinem" Erfolg informiert. Er kündigt die Vertragszusendung an, wobei sich seine Stimme merkwürdig verändert. Da Sie ja ein völlig unbekannter Autor sind, noch dazu mit einem Erstlingswerk, könne man Ihr Buch verständlicherweise nur aufnehmen, wenn Sie bereit sind, sich an den Kosten zu beteiligen und - jetzt beginnt der Lektor regelrecht zu hüsteln - zusätzlich auf das Honorar zu verzichten. Ihnen bleibt die Stimme weg, das haben Sie nicht erwartet. Davon hatte der Lektor vorher nie gesprochen.

Nehmen wir in der Folge unserer vielen glücklichen Annahmen weiterhin an, Sie einigen sich mit dem Verlag, zahlen also eine Beteiligung an den Herstellungskosten und verzichten so lange auf Honorar, bis die restlichen Herstellungskosten eingespielt sind. Oder Sie "stiften" einen namhaften Betrag für die Werbung. Oder machen irgendeinen anderen Deal. Gestaltungsmöglichkeiten dieser Art gibt es auch in so genannten Publikumsverlagen viele. Nur liegen sie nicht im Scheinwerfer der Öffentlichkeit und laufen unter völligem Ausschluss der Literaturkritik, die das in weiten Teilen zwar weiß, aber bei den bekannten Verlagsnamen lieber die Augen schließt nach dem Motto: Man kennt sich, man trifft sich (immer wieder). Sie beißen also die Zähne zusammen, weil Sie kurz vor dem Ziel nicht aufgeben wollen, und unterschreiben einen Verlagsvertrag, der Ihnen zunächst einmal kein Honorar bringen wird.

Und was sagen die Buchhandelsvertreter?

Haben Sie eigentlich eine Vorstellung davon, wie Ihr Buch später in die Buchhandlungen gelangen wird? Warum es die eine im Fenster, die andere aber nicht einmal im Laden haben wird? Es sind die Buchhandelsvertreter, die dafür sorgen, dass der Buchhändler von Ihrem Buch erfährt - oder auch nicht. Diese aufopferungsbereiten Damen und Herren leisten wahre Fronarbeit, besuchen fast jede Buchhandlung mindestens zweimal jährlich und präsentieren dort die Programme ihrer Verlage. Sie sind die wahren Helden der Branche, quälen sich bei jedem Wetter durch dichtesten Verkehr, schleppen in Städten an beiden Händen schwere Taschen mit Mustern von Buchhandlung zu Buchhandlung, immer in Zeitnot. Und sie arbeiten meist für drei oder mehr Verlage gleichzeitig, weil sie von einem mittelgroßen Verlag allein nicht leben könnten. Fahrt-, Übernachtungs- und Verpflegungsaufwand wären zu hoch. Und weil sie dadurch nicht selten bis zu achtzig Neuerscheinungen vorstellen sollten, müssen sie sich auf die Titel konzentrieren, von denen sie glauben, dass sie gerade für diese Buchhandlung, die sie eben besuchen, geeignet sind. Der Buchhändler würde sie hinauswerfen, wollten sie alle Neuerscheinungen wirklich präsentieren.

Ob ein Buchhandelsvertreter nun den einen Titel vorzieht und den anderen Titel links liegen lässt, hängt auch von der so genannten Vertretersitzung ab, die Verlage mindestens zweimal jährlich abhalten. Sämtliche Vertreter aus allen Gebieten kommen dann in den Verlag und informieren sich über das neue Programm. Das ist dann der große Auftritt des Vertriebsleiters, der nicht nur seine Vertreter, sondern den Buchhandel gut kennt. An ihm liegt es, "seine" Vertreter so zu motivieren, dass sie sich gerade für die Titel seines Verlages besonders einsetzen.

Und nun bedarf es des weiteren Glücksfalls, dass gerade Ihr Buch besonders erwähnt wird. Vielleicht gefällt dem Vertriebsleiter Ihr Foto? Vielleicht hat er einige Seiten Ihres Manuskriptes gelesen? Vielleicht liegt ihm Ihr Thema? Sie können das nun nicht mehr steuern! Sie treten in der Vertretersitzung gegen alle anderen Titel "Ihres" Verlages an, gegen bekannte Namen mit erfolgreichen Büchern. Wenn Sie Glück haben, findet der Vertriebsleiter oder der Marketingchef launige, sympathische Worte, die den Vertretern im Gedächtnis bleiben und sie motivieren, sich mit Ihrem Buch näher zu beschäftigen. Vielleicht findet Ihr Buch aber nur in drei Sätzen Erwähnung: "Und hier haben wir noch dieses Erstlingswerk von ... Vielleicht haben wir Glück." Das war’s dann. Sie werden es nie erfahren!

Der Verleger: der kreative Inhaber oder ein akkurat gescheitelter Angestellter?

Nun eine kurze Betrachtung der Person, die in früheren Zeiten der Verleger war. Es gibt sie auch noch heute, diese wahnsinnigen Idealisten, die mit hohem finanziellen und persönlichen Einsatz Jahr für Jahr ein kleines Programm herausbringen. Die sehr kreativ Bücher mit Themen verlegen, von denen sie überzeugt sind. Sie haben einige ihrer Bücher selbst lektoriert, also redaktionell bearbeitet, den Autor auf den Weg geführt, den sie für richtig hielten. Sie haben Themen entdeckt und den richtigen Autor dafür gesucht und gefunden. Und jedes Halbjahr fragen sie sich: ist ein Bestseller dabei? Nein, so fragen sie sich nicht, denn sie rechnen ja nicht mit Bestsellern. Sie sind sehr froh, wenn von einem neuen Titel die erste Auflage von fünftausend Exemplaren tatsächlich in einem halben Jahr verkauft wird. Das erlaubt einen Nachdruck, der kostengünstiger als die Erstauflage ist. Und als großer Erfolg gilt der Verkauf von zehntausend Exemplaren in einem Jahr. Und hin und wieder erreichen einzelne Titel im Lauf der Jahre höhere fünfstellige Verkaufszahlen. Es sind die wenigen Bücher, deren Gewinn all die anderen erst möglich macht.

Doch viele dieser kleineren Verlage haben mehr und mehr Probleme, für ihre Programme Vertreter zu finden. Die Buchhändler wollen und müssen den Einkauf rationalisieren und empfangen immer weniger Vertreter. In Buchhandelsketten mit ihren standardisierten Läden und Themenbereichen kommen diese Verlage meist nicht mehr hinein. So fallen immer mehr Bücher aus kleineren Verlagen einfach durch den Rost. Der Verleger kann seine Bücher ja schließlich nicht auch noch selbst im Buchhandel oder im Bauchladen auf der Straße verkaufen. (Als einzige Rettung bleibt dann der Unterschlupf in einem großen Verlag als "Imprint", wenn der Verlagsname sehr gut ist und dem Großverlag zur Ehre gereicht oder gleich der Verkauf des Verlages, wobei nur der erfolgreichere kleine Teil des Verlages im großen weitergeführt wird, der Rest fällt dem Diktat der Ökonomie zum Opfer.)

Über solche Zahlen und Fakten lächeln die vielen angestellten Verlagsgeschäftsführer größerer Verlage nur milde. Sie sind ohnehin eher kaufmännisch orientiert, haben ihre Lektoren, ihren Marketingleiter, Werbeleiter, Vertriebsleiter. Die Leute werden ordentlich bezahlt und sollen sich anstrengen, dem Verlag zu Ruhm und Gewinn zu verhelfen. Zu Gewinn zuerst, versteht sich. Und wenn dann zufällig noch literarischer Ruhm abfällt, sonnt sich der Geschäftsführer bei der dann fälligen Pressekonferenz, nachdem er vorher seinen Scheitel noch akkurat nachgezogen hat. (Ich erwähne das deshalb, weil mir beispielsweise bei Bertelsmann seit Jahrzehnten aufgefallen ist, dass die führenden Leute des Hauses häufig strenge Scheitel trugen. Hier ergibt sich nun die Frage, wurden sie eingestellt, weil sie akkurate Scheitelträger waren oder haben sie sich, in vorauseilendem Gehorsam, den Scheitel bei Dienstantritt zugelegt, ihrem Oberboss Reinhard Mohn nacheifernd?) Kurz: wenn Ihr Buch also bei einem Verlag mit angestelltem " Verleger" landet, werden Sie den "Verleger" selten zu Gesicht bekommen. Es sei denn, Ihr Buch wird Bestseller " oder Sie erhalten den Nobelpreis.

Ihr Buch ist erschienen - was nun?

Machen wir einen großen Sprung und überbrücken wir den Zeitraum der Herstellung Ihres Buches. Sie haben die Korrekturen und Vorschläge des Lektors aufgegriffen und dabei festgestellt, wie wertvoll seine Arbeit doch für sie war. Vier Augen sehen mehr als zwei. Und wenn Sie Glück hatten, war es ein erfahrener Lektor, der Ihnen immer wieder half, Systematik in Ihren Text zu bekommen und Formulierungen zu korrigieren. Ohne ihn " und das wissen Sie nun sicher " wäre Ihr Buch nicht so gut geworden. Sie haben nochmals Korrekturen gelesen, Ihren Lebenslauf mehrmals ergänzt, damit PR- und Werbeleute etwas über Sie aussagen konnten. Nun haben Sie die Autorenexemplare in Händen und schauen sich in Buchhandlungen um, suchen natürlich Ihr Buch. Vielleicht steht es ja im Fenster? Richtig, bei "Ihrer" Buchhandlung liegt es in der Auslage. Sie hatten den Buchhändler ja schon Wochen vorher informiert. Doch in anderen Buchhandlungen suchen Sie vergebens.

Sie haben natürlich ein Exemplar mitgenommen, besuchen nun jede erreichbare Buchhandlung Ihrer Umgebung und zeigen es dort der freundlichen Buchhändlerin. Diese verspricht Ihnen, das Buch beim Grossisten zu bestellen. Und tatsächlich: als Sie eine Woche später wieder hinkommen, steht es im Regal. Sie nehmen es heraus und legen es heimlich zu den anderen Büchern, die auf einem Tisch gut sichtbar präsentiert werden.

Leider können Sie nicht alle Buchhandlungen Deutschlands besuchen und so erreichen, dass Ihr Buch sichtbar ausliegt. Sie müssen warten, warten und warten. Das nervt. Sie rufen nach drei Monaten den Lektor an und fragen vorsichtig, wie denn Ihr Buch läuft. "Ich glaube, nicht schlecht", sagt er, kennt aber keine Zahlen. Ob er das jedem Autor erzählt? Sie besuchen wieder Buchhandlungen und fragen, ob denn Ihr Titel nachgefragt und verkauft wurde. Fehlanzeige. Sie fragen "Ihren" Buchhändler am Ort, der Ihr Buch im Fenster hatte. Es liegt nicht mehr dort, ist also verkauft. "Ja", sagt er, "wir haben zwei Exemplare verkauft." Nur zwei? In Ihrem Heimatort? Und dies, obwohl so viele Freunde und Bekannte von Ihrem Buch wissen!

Nun warten Sie auf Buchbesprechungen...

Nun warten Sie auf Buchbesprechungen. Der Verlag hat Ihnen doch gesagt, dass er mindestens hundertfünfzig Bücher an geeignete Presseorgane senden wird. Warum bekommen Sie nicht die zugesagten Kopien der Besprechungen? Sie wagen einen Anruf in der Presseabteilung. Nach vier Monaten liegen drei Besprechungen von völlig unbedeutenden Zeitschriften vor, deren Redakteure sich gern kostenlos Bücher von Verlagen senden lassen, um immer kleine Geschenke zur Hand zu haben. Drei! Sie drängen darauf, diese drei Besprechungen sofort zu erhalten und stellen nach der Lektüre fest, dass alle denselben "Waschzetteltext" (so nennt man die von den Verlagen mitgegebenen, werbenden Kurzbeschreibungen der Bücher) aufweisen.

Was Sie nicht wissen können: es gibt ein ziemlich starkes Netzwerk zwischen bestimmten "bedeutenden" Verlagen und den wichtigeren Medien. Schließlich haben es die PR-Damen Jahrzehnte lang gestrickt. Und da wollen Sie mit Ihrem unbekannten Namen plötzlich einbrechen? Nein, dort wird Ihr Buch nie besprochen werden. Es sei denn, Sie finanzieren dem Verlag eine ziemlich große Anzeige für Ihr Buch in einer dieser Publikationen. Das hilft oft recht schnell. Weil Sie aber nicht wirklich im Lotto gewonnen haben und auf die Qualität Ihres Buches vertrauen, warten Sie, immer unruhiger werdend, auf die erste Honorarabrechnung, die nach sieben Monaten eintrifft. Nervös öffnen Sie den Umschlag und starren auf die Verkaufszahl: Nur 726 Exemplare? Sie rufen den Lektor an und fragen, ob das gut oder schlecht sei. "Eher ... schlechter", sagt er - nach einer Pause. "Aber bei einem Erstling muss man abwarten!"

Und weil Sie laut Ihrem Verlagsvertrag ohnehin noch lange kein Geld sehen werden, beginnen Sie sich zu fragen, wovon denn richtige Autoren leben sollen? Da sind Sie nicht der Einzige! Und Sie fragen sich, ob sich der ganze Riesenaufwand gelohnt hat. Dabei haben Sie bei unserer Schilderung, wie aus einem Manuskript ein fertiges Buch werden kann, unglaublich viel Glück gehabt. So sollen Großverlage jährlich angeblich bis zu zehntausend unverlangte Manuskripte in der Post finden! Ihre echte Chance, einen Roman bei einem dieser Verlag unterzubringen, liegt also nicht bei 1:99, sondern bei 1:999, bestenfalls. Falls Sie keine Beziehungen haben. Leider!

     © Frankfurter Taschenbuchverlag
 

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