Wissen kompakt für Autoren: Verlagssuche
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Wissen kompakt für Autoren: Verlagssuche.
Alles, was Sie zum Thema Schreiben und
Veröffentlichen wissen müssen.
Frankfurt a.M. 2007, 490 S.
ISBN 978-3-937909-72-1
€ 14,80
Kapitel 1 -
Die Verlagssuche: Eine Glosse über die Schwierigkeiten
Was, Sie haben ein Buch geschrieben?
von Klaus Britting
Herzlichen Glückwunsch! Ihr Manuskript nähert sich
der Fertigstellung
oder ist gar schon beendet? Sie haben sich natürlich ein
Thema vorgenommen, das Ihnen am Herzen liegt. Und mit Herzblut
einen Roman daraus gemacht. Und ebenso natürlich gehen
Sie davon aus, dass "Ihr" Thema, Ihr Roman Millionen
von Leser(innen) anspricht. Na sagen wir mal: zumindest einige Hunderttausend.
Jetzt brauchen Sie nur noch einen Verlag. Und Sie
wissen: das kann doch nicht so schwer sein, einen zu finden.
Schließlich sehen Sie in jedem Kaufhaus Bücherberge
der verschiedensten Verlage, ganz zu schweigen vom gut sortierten
Buchhandel. Und vielleicht haben Sie schon einmal einen Katalog
der Frankfurter Buchmesse in der Hand gehabt? Wohin Sie in diesem
Katalog auch blicken: Verlage wie Sand am Meer! Die werden
sich um Ihr Buch noch raufen, ganz bestimmt ...
Damit Sie sich Arbeit sparen, gehen Sie klugerweise mit Papier
und Stift in Ihre Buchhandlung und schauen sich um. Sie notieren
Verlagsnamen mit dem Verlagsort, um dann später im Internet
Adressen und Telefonnummern ausfindig zu machen. Vielleicht
kennen Sie Ihren Buchhändler näher und trauen sich,
ihm von Ihrem Plan zu erzählen. "Was, auch Sie haben ein Buch geschrieben?",
sagt er zu Ihnen und lächelt, durchaus freundlich. Was Sie
nicht wissen können: er bedauert Sie. Denn mehrmals im Monat
erzählen ihm Kunden, dass sie daran dächten, ihre Lebenserinnerungen,
ein Kinderbuch, ein Kochbuch oder einfach einen Roman
zu schreiben. Oder schlimmer, dass sie das Manuskript bereits
fertig haben. (Denn besser wäre es gewesen, nur einmal rund zehn bis fünfzehn Seiten zu Papier zu bringen und ein Inhaltsexposé
anzufertigen, bevor Sie weiterschreiben.) Weil Ihr Buchhändler
oder Ihre Buchhändlerin freundliche Menschen sind, die außerdem
keinen Kunden verlieren wollen, geben sie Ihnen gleich die Anschriften
von einigen Verlagen, die ihnen mehr oder weniger zufällig sofort einfallen.
Klar, dass Sie zu Hause gleich aktiv werden. Sie lassen das Manuskript
durch Verwandte an deren Arbeitsplätzen kostenlos fotokopieren.
Und wenn Sie dann nach einigen Wochen endlich fünf
komplette Manuskripte in Händen haben, schreiben Sie umgehend
an die fünf Verlage, deren Adressen Sie in der Buchhandlung erhalten
haben. Und natürlich heben Sie die einzigartigen Vorzüge
gerade Ihres Themas, Ihres Romans so hervor, wie nur Sie es können.
Schließlich sind Sie der Autor! Dann warten Sie. Tag für Tag.
Woche für Woche.
"... müssen wir uns bei der Annahme neuer Manuskripte
sehr zurückhalten."
Nach quälenden viereinhalb Wochen trifft der erste Brief
ein: Ihr Buchprojekt passt "im Augenblick" nicht ins
Programm. Lässt das für die Zukunft hoffen? Nein, vergessen
Sie den "Augenblick". Ihr
Buch passt bei diesem Verlag nie ins Programm. Denn würde
man es wirklich wollen, hätte man Sie auf derzeitige Zwänge
hingewiesen und auf das nächste Programm vertröstet.
Sie fragen sich,
ob Verlage wirklich nicht merken, welchen Unsinn sie schreiben.
Dann die nächste Absage: "... sind wir zur Entscheidung
gelangt,
dass sich Ihr Werk nicht für eine Veröffentlichung
in unserem
Verlag eignet." Wieso nicht? Der Verlag hat doch bereits ähnliche
Themen oder Romane veröffentlicht, einer kam sogar auf die
Bestsellerliste! Warum nicht auch Ihr Buch? Aus welchem Grund
verweigert man Ihnen den verdienten Erfolg?
Verlag Nummer drei - inzwischen
sind acht Wochen vergangen -
teilt Ihnen mit: "Angesichts von uns ganz anders gesetzten
Programmschwerpunkten,
einer sehr begrenzten Anzahl von Programmplätzen
und langfristiger Vorausplanung müssen wir uns
bei der Annahme neuer Manuskripte sehr zurückhalten." Tja,
Sie
hätten nicht an eine Konzerntochter schreiben sollen. Bei
diesen
ist es durchaus üblich, dass Ihnen aus einem Zentrallektorat
von
irgendeinem inkompetenten Mitarbeiter derart gestelzte, dümmliche
Antworten geschickt werden. Suchen Sie nicht nach dem Sinn
solcher Aussagen. Es gibt keinen. Und notieren Sie vorsichtshalber
gleich: je größer die Verlage, umso höher die
Anzahl an
desinteressierten, schlecht ausgebildeten und inkompetenten Mitarbeitern,
die in jeder anderen Branche (ebenso erfolglos) arbeiten
könnten.
Dann der vierte Verlagsbrief, nach zehneinhalb Wochen: "Wir
werden täglich bis über beide Ohren mit Manuskripten
und Vorschlägen
eingedeckt ..." Nein, Sie brauchen gar nicht mehr weiter
zu lesen. Schließlich die letzte Antwort, endlich eine
Offenbarung:
"Was ich beim Querlesen in Ihrem Manuskript gesehen habe,
gefällt
mir, nicht nur, weil ich unweigerlich auf Situationen und Reflexionen
gestoßen bin, die mir nicht ganz unbekannt sind." Sie
bekommen einen Adrenalinstoß. Genau auf diese Antwort haben
Sie gewartet. Endlich einer, der Sie versteht, der Ihren Stil
zu schätzen weiß. Begierig lesen Sie weiter: "Wenn
ich Ihnen heute dennoch absagen muss, hat das Gründe, die
nichts mit der Qualität
Ihres wirklich interessanten und durchaus lesenswerten Werkes
zu
tun haben ..." Verdammt, das darf doch nicht wahr sein,
entfährt
es Ihnen. Doch doch, verehrter potentieller Autor, es ist wahr.
Nun werden Sie nicht gleich nach fünf Absagen aufgeben.
Sie
besorgen sich neue Verlagsadressen, schreiben noch intensiver
über Ihr Buch - und warten und warten - bis die nächsten
Absagen
ins Haus flattern. Darunter mit Argumenten, die sich gut als
Lacherfolg in einer Comedy-Sendung präsentieren ließen.
Und
wenn Sie stahlhart sind, machen Sie diese Tour noch einige Male
und fügen zusätzlich Fotos eines teuren Fotografen
bei. Wenn Sie
keine größere optische Auffälligkeit aufweisen,
auch nicht durch
Presse und TV bekannt sind, werden Sie die Sinnlosigkeit Ihres
Treibens bald einsehen. Natürlich können Sie nicht
einmal annähernd
erahnen, welcher Zufall nötig ist, damit gerade Ihre Sendung
geöffnet und das Manuskript auch wirklich gelesen wird.
Sagen wir, zumindest die ersten drei Seiten und dann quer durch
den Text weitere zehn. Verfolgen wir doch einmal den Weg, den
Ihr Manuskript nimmt oder nehmen kann, bis ein Buch auf dem
Ladentisch des Buchhändlers daraus wird.
Das Lektorat - oder
das Glücksspiel beginnt
Mit Absicht habe ich nicht den Verleger an die Spitze des Leidensweges
gestellt. Zum einen gibt es kaum noch größere und
mittelständische Verlage, in denen es einen richtigen Inhaber-
Verleger gibt, der noch selbst jedes eingehende Manuskript zur
Kenntnis bekommt. (Lesen könnte er es aus zeitlichen Gründen
ohnehin nicht.) Aber auch in kleineren Verlagen mit dem Verleger
als Inhaber erfolgt die Erstbearbeitung Ihrer so liebevoll verpackten
Manuskriptsendung in der Regel im Lektorat. Auf die Position
des Verlegers komme ich noch zu sprechen. Und damit wir uns
richtig verstehen: ich spreche hier ausdrücklich nicht über
wissenschaftliche
oder Fachbuchverlage, auch nicht über Sachbuchverlage,
die auf wenige Gebiete spezialisiert sind (wie Kochen, Garten,
Heimtiere, Gesundheit) und deshalb über Lektoren mit einschlägigen
Spezialkenntnissen verfügen. Und wenn ich Lektor sage, meine
ich natürlich auch die sehr vielen Lektorinnen. Leserinnen
mögen mir also verzeihen, wenn ich aus Platzgründen
nicht beide Geschlechter
erwähne.
Das Lektorat eines normalen Verlages mit belletristischer
und Sachbuchliteratur der verschiedensten Bereiche ist die einzige
Abteilung des Verlages, in welcher zwar meist intelligente,
aber
für den Beruf hoffnungslos unausgebildete Menschen tätig
sind, in
der ständigen Hoffnung, endlich (oder wieder einmal) mit
einem
selbst entdeckten Titel den großen Wurf zu landen. Es
gibt nämlich
keine Berufsausbildung dafür. Lektor kann theoretisch
jeder
werden, in der Praxis haben viele an Hochschulen studiert.
Zum
Beispiel Kunstgeschichte, denn die Anzahl der Studenten übersteigt
den Bedarf mehrfach. Da kommen einige auch in Verlagen
unter, die keine Kunstbücher führen. Oder Romanistik,
Anglistik,
Amerikanistik. Da mag sich jeder selbst ausrechnen, wie hoch
das
Interesse dieses Lektors später an deutscher Literatur
sein wird.
Ganz zu schweigen von Lektoren, die als Altertumskundler, Soziologe
oder Psychologe in ihrem Studienzweig keinen Beruf fanden
und durch Zufall in Verlagen unterkamen. Learning by doing
ersetzt die Berufsausbildung des Lektors. Und je älter
er wird, umso
mehr wird er in der Lage sein, die Qualität von Manuskripten
zu beurteilen. Na, hoffentlich gerät Ihr Manuskript in
die Hand eines
Erfahrenen.
Es ist also ein Irrtum zu meinen, jeder Lektor müsse
ein Germanistikstudium
erfolgreich absolviert haben. Das ist eher hinderlich.
Die Anzahl der Quereinsteiger, die aus völlig unterschiedlichen
Ausbildungswegen und Berufen heute als Lektoren
tätig sind, ist nicht gering. Ein sehr bedeutender Verlag
hatte wegen
eines Engpasses auf Empfehlung einen wenig beschäftigten
Schauspieler engagiert, der einen angenehmen Eindruck machte.
Er wurde zu einem tüchtigen Lektor und blieb bis zur Pensionierung.
Eine promovierte Germanistin, die direkt von der Uni als
Junglektorin für einen Sachbuchverlag engagiert wurde,
entpuppte
sich auf völlig anderem Gebiet als großes Talent.
Sie erwies sich
später als außerordentlich erfolgreiche Kochbuchautorin.
Und
viele Menschen, die eigentlich gern Schriftsteller oder Journalisten
geworden wären, sitzen als Lektoren in Verlagen und bewerten
Manuskripte. Doch dies tun sie eher nebenbei.
Was macht denn eigentlich
ein Lektor?
Die Haupttätigkeit des Lektors, sofern er nicht
bei einem großen
Verlag als so genannter Cheflektor fungiert, in der Welt herum
jettet und sich mit bedeutenden Autoren fotografieren lässt,
ansonsten hauptsächlich als Frühstücksdirektor
im Verlag tätig ist, besteht
nämlich im Redigieren, also in der Bearbeitung angenommener
Manuskripte, in der Zusammenarbeit mit dem Autor, der Diskussion
um Textänderungen und deren Realisierung. Und dies
kann in Einzelfällen sehr viel Zeit erfordern und außerordentlich
quälend sein. Denn der Autor versteht natürlich vom
Büchermachen
nichts, häufig ist ihm jede Systematik fremd. Im Manuskript
laufen die Handlungsstränge kreuz und quer. Der Lektor
ist auch
nach dem vierten Umschreiben einzelner Passagen durch den Autor
verzweifelt. Diese Auseinandersetzungen führen bei Lektoren
verständlicherweise auch zu Frust. Und in dieser Stimmung
soll er
positiv über Ihr Manuskript urteilen?
Sie erkennen also,
welch ungewisser Behandlung Sie Ihr Manuskript durch die Sendung
an einen Verlag aussetzen? Es ist schon
ein Zufall, ob Ihr Manuskript auf einem Wartestapel oben oder
ganz unten liegt. Ob die Sekretärin im Lektorat Ihre Sendung
sofort
öffnet oder auf den Haufen ungeöffneter Pakete legt, auf
dem
schon nächste Woche einige weitere Sendungen darüber
liegen.
Nehmen Sie auffälliges Packpapier, kanariengelb oder lila.
Oder
eine runde Hutschachtel als Behälter, runde Sendungen
fallen auf!
Oder Sie verwenden einen ausgeflippten Aufkleber. Einschreiben
nützen nichts, denn Sie haben ohnehin keinen Anspruch
auf Rücksendung.
Lassen Sie sich also etwas einfallen, sonst kann es Ihnen
passieren, dass Ihr Manuskript auch dabei ist, wenn der Lektor
zu
seiner Sekretärin zweimal jährlich sagt: "Wenn
ich aus dem Urlaub
zurück komme, will ich von den unausgepackten Sendungen,die
hier überall herumliegen, nichts mehr sehen. Also
alles zurück
mit dem üblichen Schreiben. Wir sind voll!" Falls
Sie übrigens
prüfen wollen, ob der Hinweis in der Verlagsabsage "Wir
haben
Ihr Manuskript mit aller Sorgfalt geprüft" stimmt,
empfehle ich
Ihnen, in der zweiten Hälfte des Manuskriptes zwischen
zwei
Blätter einen dünnen Leimtropfen zu setzen. Sind
die beiden Seiten
nach der Rücksendung immer noch zusammengeklebt, dann
wissen Sie, was es mit der Sorgfalt auf sich hat.
Ein Vierer
im Lotto
Nehmen wir jetzt aber einmal an, Sie haben in diesem
Lottospiel
einen Vierer gezogen, das heißt hier: Ihre Sendung ist
tatsächlich
geöffnet worden. Die Sekretärin oder ein Praktikant
im Lektorat
(für diesen Job stehen ganze Jahrgänge von Germanisten
Schlange)
fand die ersten Seiten Ihres Textes amüsant, interessant
oder
gar spannend. Er liest also weiter und weiter und ist begeistert.
Natürlich sagt er das seinem Lektor und schreibt dazu
eine halbe
oder ganze Seite, die er dem Manuskript beifügt. Denn
der Lektor
kann die vielen Urteile, die er irgendwo hört, natürlich
nicht im
Kopf behalten. Er ist schon froh, wenn er die Inhalte der vielen
Bücher, die er gleichzeitig bearbeiten muss, nicht durcheinander
bringt. Denn er steckt fast ständig im Terminstress und
ist gar
nicht in der Lage, sich einzelnen Titeln so zu widmen, wie
er es
selbst gern möchte und wie dies im Hinblick auf die Qualität
erforderlich
wäre. (Als erfahrener Leser haben Sie das in den letzten
Jahrzehnten sicherlich auch gespürt. Den großen
Verlagen aber ist
es offensichtlich egal.)
Nehmen wir also als weiteren Glücksfall
an: der Lektor greift
irgendwann tatsächlich zu Ihrem Manuskript und liest und
liest
tatsächlich weiter und ist der Meinung, für eines
der nächsten Programme
könne man Ihr Buch vielleicht verwenden. Das wäre
dann
schon ein Fünfer im Lotto. Der kluge Lektor lässt
einen Kollegen
gegenlesen, um seine Meinung abzusichern. Findet er auch hierBestätigung,
dann ruft er Sie an oder schreibt Ihnen, weil er Sie
persönlich kennen lernen möchte. Ihnen stockt das
Blut, denn das
haben Sie höchstens erhofft, aber gewiss nicht damit gerechnet.
Sie treffen sich mit ihm an einem dritten Ort, den der Lektor
auf
seinen Reisen in der nächsten Zeit ohnehin kreuzt. In
einem Bahnhofsrestaurant
vielleicht. Er will mit Ihnen natürlich nicht nur über
Ihr Manuskript reden. Er will vielmehr wissen, wer Sie sind
und
wie er Ihre Biographie im Verlag möglichst interessant
und aufregend
darstellen und "verkaufen" kann. Dass Sie weder
vom Fernsehen
noch vom Film noch aus Klatschspalten der Regenbogenpresse
bekannt sind, ist ohnehin ein Manko. Da sollten Sie
wenigstens interessant aussehen oder aufregende Hobbys haben.
Oder einen außergewöhnlichen Beruf. Wenn Sie als
Bestatter beispielsweise
Krimis schreiben, dann klingt das schon interessanter,
als wenn Sie Sachbearbeiter im Wasserwirtschaftsamt wären.
(Es
sei denn, Sie spezialisieren sich in Ihren Krimis auf Wasserleichen.)
Ihr
Outfit ist wichtig! Tragen Sie zur grünen Haarfarbe
beispielsweise
roseefarbene Hüte. Oder verrückte Brillen. Oder erscheinen
Sie ganz in Schwarz, das weckt schon mal Anteilnahme.
Es gibt viele Möglichkeiten, sich von der Masse abzuheben.
Kurz:
Sie müssen irgendetwas an sich haben, was sich später
als Besonderheit
herausstellen lässt. Und das will der Lektor feststellen
und
nicht nur über Ihr Manuskript reden, das er ja schon kennt.
Wenn
Sie dieses Treffen mit gutem Gefühl hinter sich gebracht
haben
und vom Lektor hören, dass er ihr Buch bringen will, haben
Sie
schon viel erreicht. Aber glauben Sie bitte nicht, Ihr Manuskript
sei damit schon angenommen.
Der Marketingchef: "Schon wieder
ein deutscher Autor?"
Vor fünfzig, vierzig Jahren
gab es in Verlagen noch keine Marketingchefs.
Man brauchte sie nicht. Die Verlage waren kleiner, der
Verleger entschied allein oder mit dem Lektor, welche Titel
er
verlegen wollte. Dann wurde zur endgültigen Absegnung
jeder
Entscheidung allenfalls der Vertriebsleiter (damals hieß er
noch
Auslieferungsleiter, weil man sich genierte zuzugeben, dass
man
Bücher schließlich auch verkaufen muss) informiert,
manchmal
sogar gefragt. Der konnte schon noch gegen den einen oder anderen
Titel opponieren, mehr aber auch nicht. Die Handschrift des
Verlegers und seines Lektors war weithin sichtbar. Und dies
ist
auch heute in kleineren Verlagen noch so. Ein Glück für
die gesamte
Branche! (Als herausragendes Beispiel für all die Inhaberverleger
nenne ich hier den Klaus Wagenbach Verlag, Berlin,
dessen oft politisch ausgerichtetem Programm man ideologisch
nicht zustimmen muss. Die Lebensleistung von Klaus Wagenbach,
der die Leitung inzwischen an seine Frau übergeben hat,
bleibt jedoch
unbestritten.)
Schon in mittelgroßen, auf jeden Fall aber
in allen größeren
Verlagen sorgen heute ein Mann oder eine Frau dafür, dass
die
Entscheidungen des Lektorats allenfalls als Vorschläge
zu werten
sind: der Marketingchef. Und das verunsichert auch einen Teil
der
Lektoren, vor allem solche mit wenig Berufserfahrung. Sie setzen
sich für "ihre" Titel ein, mit deren Autoren
sie so nett gesprochen
haben. Und übersehen dabei manchmal, dass ihre Titel gegen
andere,
von anderen Lektoren ausgewählte, im Haus anzutreten haben.
Wenn also zufällig drei annehmbare Manuskripte mit ähnlichem
Inhalt (die Handlungen spielen beispielsweise alle in
Südengland oder handeln von geschiedenen Frauen, die sich
in
verheiratete Männer verlieben) vorliegen, wird man aus
Marketinggründen
wahrscheinlich nur eines davon bringen. Pech für die
anderen beiden Autoren. Und wenn der Marketingchef bei einem
Titel den Daumen nach unten senkt, wird sich jeder Verlagsleiter
hüten, das Buch trotzdem zu verlegen. Der Misserfolg wäre
nämlich
sicher.
In früheren Zeiten hatten Marketingchefs viel Buchverstand.
Sie waren in der Regel vorher Vertriebs- oder Werbeleiter und
wuchsen dann in ihren immer größer werdenden Verlagen
in die
Rolle eines Marketingleiters. Heute kommen Marketingleiter
immer
häufiger aus anderen Branchen und glauben, ihr allgemeines
Verständnis von Marketing auch im Buchhandel durchsetzen
zu
können, etwa nach dem Motto: "Ich habe drei Zeitschriftentitel
relauncht, da wäre es doch lachhaft, wenn ich nicht auch
im Buchhandel
Erfolg hätte." Der kleine Unterschied: Zwischen
dem Zeitschriften-
und dem Buchleser liegen Welten! Wer den Buchhandel
mit seinen vielen kleinen eigenen Gesetzen und seinen so individuellen
und schwierigen Buchhändlern (und Buchhändlerinnen!)
nicht kennt oder nicht sehr schnell kennen lernt, wird nicht
wirklich
erfolgreich sein. Welches Glück wird Ihr Manuskript haben?
Gerät es in die Hände eines Bücherliebhabers
oder eines Betriebswirts,
den nur Zahlen interessieren? Eines Mannes oder einer
Frau?
Ist der Verlag gut organisiert, erhält die Marketingabteilung
vom Lektorat automatisch Exposés über von ihr ins
Auge gefasste
Bücher zusammen mit einigen Seiten des Manuskriptes. Da
kann
es dann schon passieren, dass der Marketingchef ausruft: "Schon
wieder ein deutscher Autor?" und hinzufügt. "Wir
mussten doch
schon im letzten Programm diesen Flop vom Neffen des Chefs
aufnehmen ..." Sie, verehrter Autor, sollten nämlich
nicht vergessen,
dass Ihr Manuskript nicht nur gegen Manuskripte deutscher
Autoren antritt. In nicht wenigen Verlagen sind Übersetzungen
aus
anderen Ländern in der Überzahl. Denn hier hat der
Lektor den
Vorteil, auf den Erfolg des Buches im Ursprungsland hinweisen
zu können. Da muss er sich nicht anstrengen und kein Risiko
eingehen.
Das klingt doch bei der späteren Programmkonferenz ganz
anders, wenn er sagen kann: "Und hier haben wir den neuen
Thriller von XYZ, einem Erfolgsautor, den Sie alle kennen und
den wir bisher schon gut verkauft haben", als wenn er
stotternd
anfängt, über Sie und Ihr Manuskript zu referieren.
Und so wird
jeder Marketingchef einen ausländischen Autor vorziehen,
wenn
dessen Buch in der Originalsprache erfolgreich war. Was natürlich
nicht heißt, dass es in Deutschland erfolgreich läuft.
Doch dafür
haftet der Marketingchef nicht. (Im Zweifel dann schon eher
der
Lektor!)
Läuft Ihr Buch als "Füller" oder
Außenseiter?
Der Marketingchef hat ein existentielles
Interesse, verkaufsstarke Titel im Programm zu haben. Nur so
kann er seinen Vertriebsleiter
(so nennt man verschämt den Verkaufsleiter in den meisten
Verlagen),
und dieser wiederum seinen Außendienst motivieren. Er
teilt
sein Programm mindestens in drei Teile: Die wenigen Spitzentitel,
die das Geld bringen sollen. Für sie wird stark geworben
und im
Presse- und PR-Sektor alles Denkbare getan. In diese elitäre
Gruppe werden Sie mit Ihrem ersten Buch nicht kommen, klar!
Das Gros des Programms soll mit Pluszahlen laufen, nach Möglichkeit.
In dieser Gruppe werden Sie wahrscheinlich auch nicht
sein. Und dann gibt es noch so genannte "Füller" und
Außenseiter,
von denen man fürchtet oder schon vorher weiß, dass
sie die Kosten
kaum einspielen werden. Aber natürlich hofft jeder auf
die
berühmte Ausnahme. Sie eingeschlossen.
Ertrunken - in der
Programmkonferenz
Um unseren Faden fort zu spinnen, nehmen
wir jetzt zu Ihrem
weiteren Glück an, Ihr Manuskript sei von der Marketingleitung
nicht abgelehnt worden. Das wäre dann ein glatter Sechser
in unserem
Lottospiel. Sie haben viele Wochen lang nach der positiven
Äußerung des Lektors gewartet, oft schlecht geschlafen.
Es folgt
nun die letzte Entscheidungsphase: die Programmkonferenz. Je
nach Größe des Verlages können daran unterschiedlich
viele Mitarbeiter
teilnehmen. Denn es geht ja hier nicht allein um Ihr Buch,
sondern um das gesamt Programm des Verlages für einen
bestimmten
Zeitraum, der ein halbes Jahr, aber auch kürzer sein
kann. Da stehen dann bei kleineren Verlagen fünf bis zehn
Titel
zur Diskussion, bei großen Verlagen auch schon mal sechzig
Projekte,
die es zu einem insgesamt ausgewogenen, verkaufsstarken
Programm zusammenzufügen gilt.
Und weil die Gesamtkapazität
des Verlages auch aus finanziellen Gründen begrenzt ist,
werden einzelne Themenbereiche bei dieser Gelegenheit auch
gegeneinander antreten. Die Lektorin
für
Frauenromane gegen den Lektor für das eher Intellektuelle.
Der
Lektor für den phantastischen ausländischen Roman
gegen die
Lektorin für deutsche Literatur. Und wenn es im Sachbuchbereich
gleich mehrere interessante Titel gibt, wird man sich eher
entschließen,
hier den einen oder anderen Titel mehr zu bringen und
dafür das Belletristikprogramm zu kürzen. Es könnte
aber auch
sein, dass der Verlag gerade in diesem Halbjahr seine Investitionen
ins neue Programm ohnehin kürzen muss, weil es ihm so
gut nicht geht. Und damit sind Sie mit Ihrem Roman rausgeflogen,
regelrecht ertrunken. Zumindest "im Augenblick".
Sie
sehen: es muss nicht an der Qualität Ihres Manuskriptes
liegen,
wenn Sie letztlich nicht zum Zuge kommen. Zu viele verschiedene
Faktoren wirken mit. Tatsache ist, dass belletristische
Verlage eine große Scheu vor unbekannten deutschen Autoren
haben,
die einem größeren Publikum nicht bekannt sind,
wenn diese
Autoren nicht die Möglichkeit haben, für sich zu
werben. So wundert
es nicht, wenn in Bestsellerlisten besonders häufig deutsche
Autoren auftauchen, die durch Ihre Tätigkeiten in bekannten
Presseobjekten über die vielfältigsten Beziehungen
verfügen, um
zu (guten) Besprechungen Ihrer Bücher zu gelangen. Sie
erregen
dadurch mehr Aufmerksamkeit, werden dann auch von der zweiten
und dritten Garnitur der Literaturkritik besprochen. Und besser
verkauft! Ein ganz einfacher Zusammenhang. Und dies ist natürlich
der Punkt, bei dem besonders die PR-Chefin (in den meisten
Verlagen sind es Damen, die diesen Beruf ausüben) des
Verlages
aufhorcht. Je nach Persönlichkeit wird sie in der Programmkonferenz
mitreden, weil sie abwägen muss, bei welchen Büchern
sie Kapital aus dem Bekanntheitsgrad des Autors, seinen Beziehungen
zu den Medien und einem vielleicht sensationellen Inhalt
seines Buches schlagen kann. Oder auch gar nichts! So wie vielleicht
bei Ihnen?
Weil aber die PR-Chefin auch ihren Spaß haben
und gern reisen
und bei Pressekonferenzen mit dem Autor gut sichtbar auftreten
will, interessiert sie der Autor ohne Eigenschaften überhaupt
nicht.
Nehmen wir aber auch hier den für Sie günstigsten
Fall an: die
PR-Chefin hat zu Ihrem Glück am Tag der Programmkonferenz
einen schweren Kopf. Sie hat mit einem bedeutenderen Journalisten
die Nacht durchgezecht und ihm dabei auch die wichtigeren
neuen Titel des Verlages präsentiert. Sie ist müde
und mag sich
nur zu den Spitzentiteln äußern. Kein negatives
Wort zu Ihrem
Manuskript, von dem sie frühzeitig Unterlagen hatte. Sie
haben
Glück gehabt und die Sitzung überstanden. Dem Verlagsvertrag
steht nun nichts mehr im Weg!
Ein Verlagsvertrag mit überraschenden
Konditionen
Der Lektor hat Sie angerufen und von "seinem" Erfolg
informiert.
Er kündigt die Vertragszusendung an, wobei sich seine
Stimme
merkwürdig verändert. Da Sie ja ein völlig unbekannter
Autor
sind, noch dazu mit einem Erstlingswerk, könne man Ihr
Buch
verständlicherweise nur aufnehmen, wenn Sie bereit sind,
sich an
den Kosten zu beteiligen und - jetzt beginnt der Lektor
regelrecht
zu hüsteln - zusätzlich auf das Honorar zu
verzichten. Ihnen bleibt
die Stimme weg, das haben Sie nicht erwartet. Davon hatte der
Lektor vorher nie gesprochen.
Nehmen wir in der Folge unserer
vielen glücklichen Annahmen
weiterhin an, Sie einigen sich mit dem Verlag, zahlen also
eine
Beteiligung an den Herstellungskosten und verzichten so lange
auf
Honorar, bis die restlichen Herstellungskosten eingespielt
sind.
Oder Sie "stiften" einen namhaften Betrag für
die Werbung. Oder
machen irgendeinen anderen Deal. Gestaltungsmöglichkeiten
dieser
Art gibt es auch in so genannten Publikumsverlagen viele. Nur
liegen sie nicht im Scheinwerfer der Öffentlichkeit und
laufen unter
völligem Ausschluss der Literaturkritik, die das in weiten
Teilen
zwar weiß, aber bei den bekannten Verlagsnamen lieber
die
Augen schließt nach dem Motto: Man kennt sich, man trifft
sich
(immer wieder). Sie beißen also die Zähne zusammen,
weil Sie
kurz vor dem Ziel nicht aufgeben wollen, und unterschreiben
einen
Verlagsvertrag, der Ihnen zunächst einmal kein Honorar
bringen
wird.
Und was sagen die Buchhandelsvertreter?
Haben Sie eigentlich eine Vorstellung
davon, wie Ihr Buch später
in die Buchhandlungen gelangen wird? Warum es die eine im
Fenster, die andere aber nicht einmal im Laden haben wird?
Es
sind die Buchhandelsvertreter, die dafür sorgen, dass
der Buchhändler
von Ihrem Buch erfährt - oder auch nicht. Diese
aufopferungsbereiten
Damen und Herren leisten wahre Fronarbeit, besuchen
fast jede Buchhandlung mindestens zweimal jährlich und
präsentieren dort die Programme ihrer Verlage. Sie sind
die wahren
Helden der Branche, quälen sich bei jedem Wetter durch
dichtesten Verkehr, schleppen in Städten an beiden Händen
schwere Taschen mit Mustern von Buchhandlung zu Buchhandlung,
immer in Zeitnot. Und sie arbeiten meist für drei oder
mehr Verlage gleichzeitig, weil sie von einem mittelgroßen
Verlag
allein nicht leben könnten. Fahrt-, Übernachtungs-
und Verpflegungsaufwand
wären zu hoch. Und weil sie dadurch nicht selten
bis zu achtzig Neuerscheinungen vorstellen sollten, müssen
sie
sich auf die Titel konzentrieren, von denen sie glauben,
dass sie
gerade für diese Buchhandlung, die sie eben besuchen,
geeignet
sind. Der Buchhändler würde sie hinauswerfen, wollten
sie alle
Neuerscheinungen wirklich präsentieren.
Ob ein Buchhandelsvertreter
nun den einen Titel vorzieht und den anderen Titel links
liegen lässt, hängt
auch von der so genannten
Vertretersitzung ab, die Verlage mindestens zweimal
jährlich abhalten. Sämtliche Vertreter aus allen
Gebieten kommen
dann in den Verlag und informieren sich über das neue
Programm.
Das ist dann der große Auftritt des Vertriebsleiters,
der nicht nur
seine Vertreter, sondern den Buchhandel gut kennt. An ihm
liegt es, "seine" Vertreter so zu motivieren, dass
sie sich gerade für die
Titel seines Verlages besonders einsetzen.
Und nun bedarf
es des weiteren Glücksfalls, dass gerade
Ihr
Buch besonders erwähnt wird. Vielleicht gefällt
dem Vertriebsleiter
Ihr Foto? Vielleicht hat er einige Seiten Ihres Manuskriptes
gelesen? Vielleicht liegt ihm Ihr Thema? Sie können
das nun nicht
mehr steuern! Sie treten in der Vertretersitzung gegen alle
anderen
Titel "Ihres" Verlages an, gegen bekannte Namen
mit erfolgreichen
Büchern. Wenn Sie Glück haben, findet der Vertriebsleiter
oder der Marketingchef launige, sympathische Worte, die den
Vertretern im Gedächtnis bleiben und sie motivieren,
sich mit Ihrem
Buch näher zu beschäftigen. Vielleicht findet Ihr
Buch aber
nur in drei Sätzen Erwähnung: "Und hier haben
wir noch dieses
Erstlingswerk von ... Vielleicht haben wir Glück." Das
war’s
dann. Sie werden es nie erfahren!
Der Verleger: der kreative
Inhaber oder ein akkurat gescheitelter Angestellter?
Nun eine
kurze Betrachtung der Person, die in früheren
Zeiten der
Verleger war. Es gibt sie auch noch heute, diese wahnsinnigen
Idealisten, die mit hohem finanziellen und persönlichen
Einsatz
Jahr für Jahr ein kleines Programm herausbringen.
Die sehr kreativ
Bücher mit Themen verlegen, von denen sie überzeugt
sind.
Sie haben einige ihrer Bücher selbst lektoriert, also
redaktionell
bearbeitet, den Autor auf den Weg geführt, den sie
für
richtig
hielten. Sie haben Themen entdeckt und den richtigen Autor
dafür
gesucht und gefunden. Und jedes Halbjahr fragen sie sich:
ist ein
Bestseller dabei? Nein, so fragen sie sich nicht, denn
sie rechnen
ja nicht mit Bestsellern. Sie sind sehr froh, wenn von
einem neuen
Titel die erste Auflage von fünftausend Exemplaren
tatsächlich
in
einem halben Jahr verkauft wird. Das erlaubt einen Nachdruck,
der kostengünstiger als die Erstauflage ist. Und als
großer
Erfolg
gilt der Verkauf von zehntausend Exemplaren in einem Jahr.
Und
hin und wieder erreichen einzelne Titel im Lauf der Jahre
höhere
fünfstellige Verkaufszahlen. Es sind die wenigen Bücher,
deren
Gewinn all die anderen erst möglich macht.
Doch viele
dieser kleineren Verlage haben mehr und mehr Probleme,
für ihre Programme Vertreter zu finden. Die Buchhändler
wollen und müssen den Einkauf rationalisieren und
empfangen immer weniger Vertreter. In Buchhandelsketten
mit ihren standardisierten
Läden und Themenbereichen kommen diese Verlage
meist nicht mehr hinein. So fallen immer mehr Bücher
aus kleineren
Verlagen einfach durch den Rost. Der Verleger kann seine
Bücher
ja schließlich nicht auch noch selbst im Buchhandel
oder im
Bauchladen auf der Straße verkaufen. (Als einzige
Rettung bleibt
dann der Unterschlupf in einem großen Verlag als "Imprint",
wenn der Verlagsname sehr gut ist und dem Großverlag
zur Ehre
gereicht oder gleich der Verkauf des Verlages, wobei nur
der erfolgreichere
kleine Teil des Verlages im großen weitergeführt
wird, der Rest fällt dem Diktat der Ökonomie
zum Opfer.)
Über solche Zahlen und Fakten lächeln die vielen angestellten
Verlagsgeschäftsführer größerer Verlage
nur milde. Sie sind ohnehin
eher kaufmännisch orientiert, haben ihre Lektoren,
ihren Marketingleiter, Werbeleiter, Vertriebsleiter. Die
Leute
werden ordentlich bezahlt und sollen sich anstrengen, dem
Verlag zu
Ruhm und Gewinn zu verhelfen. Zu Gewinn zuerst, versteht
sich. Und wenn dann zufällig noch literarischer Ruhm
abfällt,
sonnt
sich der Geschäftsführer bei der dann fälligen
Pressekonferenz,
nachdem er vorher seinen Scheitel noch akkurat nachgezogen
hat.
(Ich erwähne das deshalb, weil mir beispielsweise
bei Bertelsmann
seit Jahrzehnten aufgefallen ist, dass die führenden
Leute des Hauses
häufig strenge Scheitel trugen. Hier ergibt sich nun
die Frage,
wurden sie eingestellt, weil sie akkurate Scheitelträger
waren oder
haben sie sich, in vorauseilendem Gehorsam, den Scheitel
bei Dienstantritt zugelegt, ihrem Oberboss Reinhard Mohn
nacheifernd?)
Kurz: wenn Ihr Buch also bei einem Verlag mit angestelltem
"
Verleger" landet, werden Sie den "Verleger" selten
zu
Gesicht bekommen. Es sei denn, Ihr Buch wird Bestseller " oder
Sie erhalten den Nobelpreis.
Ihr Buch ist erschienen - was
nun?
Machen wir einen großen Sprung und überbrücken
wir den Zeitraum
der Herstellung Ihres Buches. Sie haben die Korrekturen
und Vorschläge des Lektors aufgegriffen und dabei
festgestellt, wie
wertvoll seine Arbeit doch für sie war. Vier Augen
sehen mehr als
zwei. Und wenn Sie Glück hatten, war es ein erfahrener
Lektor,
der Ihnen immer wieder half, Systematik in Ihren Text zu
bekommen und Formulierungen zu korrigieren. Ohne ihn " und
das wissen
Sie nun sicher " wäre Ihr Buch nicht so gut geworden.
Sie haben
nochmals Korrekturen gelesen, Ihren Lebenslauf mehrmals
ergänzt, damit PR- und Werbeleute etwas über
Sie aussagen
konnten. Nun haben Sie die Autorenexemplare in Händen
und
schauen sich in Buchhandlungen um, suchen natürlich
Ihr Buch.
Vielleicht steht es ja im Fenster? Richtig, bei "Ihrer" Buchhandlung
liegt es in der Auslage. Sie hatten den Buchhändler
ja schon
Wochen vorher informiert. Doch in anderen Buchhandlungen
suchen Sie vergebens.
Sie haben natürlich ein Exemplar
mitgenommen, besuchen nun
jede erreichbare Buchhandlung Ihrer Umgebung und zeigen
es dort der freundlichen Buchhändlerin. Diese verspricht
Ihnen, das
Buch beim Grossisten zu bestellen. Und tatsächlich:
als Sie eine
Woche später wieder hinkommen, steht es im Regal.
Sie nehmen
es heraus und legen es heimlich zu den anderen Büchern,
die auf
einem Tisch gut sichtbar präsentiert werden.
Leider
können Sie nicht alle Buchhandlungen Deutschlands
besuchen
und so erreichen, dass Ihr Buch sichtbar ausliegt. Sie
müssen
warten, warten und warten. Das nervt. Sie rufen nach drei
Monaten den Lektor an und fragen vorsichtig, wie denn Ihr
Buch läuft. "Ich glaube, nicht schlecht",
sagt er, kennt aber keine Zahlen.
Ob er das jedem Autor erzählt? Sie besuchen wieder
Buchhandlungen und fragen, ob denn Ihr Titel nachgefragt
und verkauft
wurde. Fehlanzeige. Sie fragen "Ihren" Buchhändler
am Ort, der
Ihr Buch im Fenster hatte. Es liegt nicht mehr dort, ist
also verkauft.
"Ja", sagt er, "wir haben zwei Exemplare verkauft." Nur
zwei? In Ihrem Heimatort? Und dies, obwohl so viele Freunde
und
Bekannte von Ihrem Buch wissen!
Nun warten Sie auf Buchbesprechungen...
Nun warten Sie auf Buchbesprechungen. Der Verlag hat Ihnen
doch gesagt, dass er mindestens hundertfünfzig Bücher
an geeignete
Presseorgane senden wird. Warum bekommen Sie nicht die
zugesagten Kopien der Besprechungen? Sie wagen einen
Anruf in
der Presseabteilung. Nach vier Monaten liegen drei Besprechungen
von völlig unbedeutenden Zeitschriften vor, deren
Redakteure sich gern kostenlos Bücher von Verlagen
senden lassen, um immer
kleine Geschenke zur Hand zu haben. Drei! Sie drängen
darauf,
diese drei Besprechungen sofort zu erhalten und stellen
nach der Lektüre fest, dass alle denselben "Waschzetteltext" (so
nennt
man die von den Verlagen mitgegebenen, werbenden Kurzbeschreibungen
der Bücher) aufweisen.
Was Sie nicht wissen können:
es gibt ein ziemlich starkes Netzwerk zwischen bestimmten "bedeutenden" Verlagen
und den
wichtigeren Medien. Schließlich haben es die PR-Damen
Jahrzehnte
lang gestrickt. Und da wollen Sie mit Ihrem unbekannten
Namen plötzlich einbrechen? Nein, dort wird Ihr
Buch nie besprochen
werden. Es sei denn, Sie finanzieren dem Verlag eine
ziemlich große Anzeige für Ihr Buch in einer
dieser Publikationen. Das
hilft oft recht schnell. Weil Sie aber nicht wirklich
im Lotto gewonnen
haben und auf die Qualität Ihres Buches vertrauen,
warten Sie, immer unruhiger werdend, auf die erste Honorarabrechnung,
die nach sieben Monaten eintrifft. Nervös öffnen
Sie den Umschlag
und starren auf die Verkaufszahl: Nur 726 Exemplare?
Sie rufen den Lektor an und fragen, ob das gut oder schlecht
sei.
"Eher ... schlechter", sagt er - nach einer Pause. "Aber
bei einem
Erstling muss man abwarten!"
Und weil Sie laut Ihrem
Verlagsvertrag ohnehin noch lange kein Geld sehen werden,
beginnen Sie sich zu fragen,
wovon denn
richtige Autoren leben sollen? Da sind Sie nicht der
Einzige! Und
Sie fragen sich, ob sich der ganze Riesenaufwand gelohnt
hat. Dabei
haben Sie bei unserer Schilderung, wie aus einem Manuskript
ein fertiges Buch werden kann, unglaublich viel Glück
gehabt. So
sollen Großverlage jährlich angeblich bis
zu zehntausend unverlangte
Manuskripte in der Post finden! Ihre echte Chance, einen
Roman bei einem dieser Verlag unterzubringen, liegt also
nicht bei 1:99, sondern bei 1:999, bestenfalls. Falls
Sie keine Beziehungen
haben. Leider!
Lesen Sie hier weitere Kapitel aus dem Autorenratgeber:
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